Aktualisiert 25.06.2009 16:55

LiteraturÖsterreicher frisst Papier

Der Zürcher Lorenz Langenegger hat das Wettlesen um den Bachmannpreis eröffnet. Wie alle fünf Kandidaten des ersten Lesetages erhielt er gemischte Kritiken. Einzig der Österreicher Philippe Weiss fiel auf - weil er eine Manuskriptseite verspeiste.

Diese Aktion sei «notwendiger Bestandteil des Texts», leitete Weiss seine Mahlzeit ein. In der Tat erzählt seine Geschichte «Blätterliebe» von einem Autor, der seinen Roman vollendet, indem er ihn sich einverleibt, um ihn später zusammen mit seiner Frau nach einem operativen Eingriff gleichsam zu gebären.

Magische Tradition

Das Fressen von Text sei eine uralte magische Tradition, erinnerte die Schweizer Jurorin und Mittelalter-Expertin Hildegard Keller. Sie schätzte den Text als «hinterhältiges Märchen auf den Bachmannpreis». Andere Juroren attestierten dem Text Humor, während Paul Jandl stöhnte, nichts sei so anstrengend wie Humor, den man nicht teile.

Urteile nach dem Schema «Gut, aber...» ernteten am ersten Tag die meisten Kandidaten, auch Lorenz Langenegger. Sein Text «Der Mann mit der Uhr» erzählt von einem vereinsamten Arbeitslosen, der in einem zufälligen Banknachbarn eine verwandte Seele zu erkennen glaubt, aber von ihm nur als Zeitvertreib benutzt wird.

Schön gebaut und mit stringenter Symbolik, urteilten die meisten Juroren, aber auch überdeutlich inszeniert und plakativ. Jurorin Meike Fessmann erkannte «Kafka-Vokabular», das von der Abwesenheit einer eigenen Stimme zeuge. Dem Jury-Vorsitzenden Burkhard Spinnen fehlte das Moment des Überraschenden.

Spinnen hat schon alles gelesen

«Das habe ich schon so oft gelesen!» klagte Spinnen nach fast jedem Vortrag. So auch nach «Fifty Blues» von Bruno Preisendörfer. Ausgehend vom Lieben Gott, der bald 50 Milliarden Jahre alt wird und gelangweilt mit der Fernbedienung in der Erdgeschichte rumzappt, fühlt ein Psychiater seine Midlife-Crisis aufblühen.

«Déjà-Vu» hiess es auch nach Christiane Neudeckers «Wo viel Licht ist», einer Horrorgeschichte aus der Zeit von Videokunst und Lichtverschmutzung, in der einem Mann zunächst sein Schatten und dann seine ganze Person abhanden kommt. Der Text spaltete die Jury in eine «Spannend!»- und eine «Langweilig»-Fraktion.

Bei Karsten Krampitz' Textauszug aus der Novelle «Heimgehen» ging die Spaltung meist mitten durch die Kritiker. Ihnen gefiel der Anfang, der in Anlehnung auf die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz im Jahr 1976 auf das Problem der Stasi-Spitzel verwies.

Als im zweiten Teil die zwar witzig und flüssig geschriebene, aber relativ einfache Biografie des Protagonisten folgte, sahen sich viele Juroren enttäuscht.

75 000 Franken zu gewinnen

Am Freitag treten die beiden weiteren Schweizer zum Wettbewerb an: Um 12 Uhr der in Spanien lebende Zürcher Lehrer Karl-Gustav Ruch und gleich anschliessend der in Zürich arbeitende deutsche Arzt Jens Petersen. Der ganze Wettbewerb wird auf 3sat und auf bachmannpreis.eu live übertragen.

Bis Samstag lesen insgesamt 14 Autoren und Autorinnen in Klagenfurt halbstündige Prosatexte, die gleich anschliessend von der 7-köpfigen Jury beurteilt werden. Sonntagmittag werden fünf Preise im Gesamtwert von etwa 75 000 Franken verliehen. (sda)

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