«Sonderfall»: Österreichs aufmüpfige Katholiken
Aktualisiert

«Sonderfall»Österreichs aufmüpfige Katholiken

Dem Vatikan sind sie schon länger ein Stachel im Fleisch. Seit dem Skandal um Missbrauch innerhalb der Kirche setzen sich kritische Katholiken in Österreich noch nachdrücklicher für Reformen ein.

von
Veronika Oleksyn
AP
Die Österreicher sind dem Vatikan je länger je mehr ein Dorn im Auge.

Die Österreicher sind dem Vatikan je länger je mehr ein Dorn im Auge.

Zwar ist es vor allem die Basis, die auf konkrete Fortschritte dringt. Doch auch Kardinal Christoph Schönborn, ein enger Vertrauter von Papst Benedikt VXI., erstaunt in jüngster Zeit mit symbolischen Gesten und deutlichen Worten.

Die ungewöhnlich rebellische Ader der österreichischen Katholiken geht nach Einschätzung von Kennern auf eine Reihe konservativer Entscheidungen des Vatikans nach der Pensionierung des liberalen Wiener Erzbischofs Kardinal Franz König 1985 zurück. Die wohl umstrittenste Ernennung war die seines Nachfolgers Hans Hermann Groer, der später des Missbrauchs von Zöglingen beschuldigt wurde und die Kirche in Aufruhr brachte.

Die Provokationen von Bischof Mixa

«Nach Kardinal König kam ein neuer Kirchenkurs, dann kam die Pädophilie-Geschichte Groers dazu - zusammen waren das Auslöser für Unzufriedenheit», sagt der Theologe Paul Zulehner. «Österreich ist ein Sonderfall, von Rom verursacht.»

Austrittswelle schwillt an

Die Affäre Groer entbrannte 1995, als ein früherer Schüler ihn bezichtigte, ihn in den 70er Jahren missbraucht zu haben. Weitere Anschuldigungen folgten. Groer trat zurück und wurde später von Papst Johannes Paul II. gezwungen, alle Kirchenämter abzugeben. Er starb 2003, ohne je direkt eine Schuld eingestanden zu haben. Mit den jüngsten Skandalen kochte die Empörung von damals wieder hoch.

«Der Missbrauchsskandal hat aufgezeigt, dass offensichtlich die Kirchenleitung nicht mehr die Botschaft Jesu, sondern das eigene Interesse im Auge hat», kritisiert Peter Hurka von der Initiative «Wir sind Kirche». «Viele sind sehr stark verunsichert.»

Es wird erwartet, dass in diesem Jahr eine Rekordzahl von bis zu 80.000 der rund 5,5 Millionen Katholiken in Österreich der Kirche den Rücken kehren. Allein vergangenes Jahr waren 53.216 ausgetreten, 31 Prozent mehr als 2008.

Dass viel auf dem Spiel steht, lässt sich daran ablesen, dass sich der wenig streitlustige Kardinal Schönborn in den vergangenen Monaten mit deutlichen Worten einschaltet. Bei einer Messe für die Missbrauchsopfer im März im Stephansdom bekannte er sich als einer der ersten hohen Würdenträger offen zu der Schuld, die die Kirche auf sich geladen habe. Aufsehen erregte kürzlich, als er dem früheren vatikanischen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano vorwarf, vor 15 Jahren eine vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger angestrebte Untersuchung der Groer-Affäre abgeblockt zu haben.

Signale, aber kein offener Widerspruch

Zudem erkannte er dringenden Reformbedarf in der Kurie, sprach sich für eine differenziertere Betrachtung homosexueller Partnerschaften und eine neue Sichtweise auf die Wiederheirat Geschiedener aus. Er verzichtete auch auf öffentliche Kritik an dem Bischof von Eisenstadt, Paul Iby: Der hatte dafür plädiert, es den Priestern zu überlassen, ob sie im Zölibat leben wollten, und sich für die Ordinierung verheirateter Männer ausgesprochen. Irgendwann solle auch die Priesterweihe von Frauen erwogen werden, hatte der 75-Jährige gefordert. «Ich denke, die Sorgen, die Bischof Iby hier zum Ausdruck gebracht hat, sind unser aller Sorgen. Das ist gar keine Frage», sagte Schönborn dazu der AP.

Für Reformer wie Richard Picker von der Initiative «Priester ohne Amt» sieht Schönborn das Dilemma von Geistlichen, die sich - wie er selbst - gegen die Ehelosigkeit entschieden haben. «Der Kardinal hat Verständnis für uns», sagte er. Andere warnen jedoch davor, Schönborn zu überschätzen: Er habe zwar Verständnis gezeigt, aber keine konkreten Taten folgen lassen.

«Es geht ihm auf die Nerven, was aus Rom kommt», vermutet Herbert Kohlmaier von der Laieninitative. «Er setzt Signale, aber er wird niemals etwas sagen, was dem Papst widerspricht. Diese Grenze wird er nicht überschreiten.»

Dialog «wird immer abgewürgt»

Für manche Katholiken wie den 76-jährigen Erwin Bundschuh besteht das eigentliche Problem darin, wie der Vatikan mit kircheninternen Affären umgeht, dass er Missbrauch vertuscht und nicht willens ist, über Fragen wie den Zölibat und die Rolle der Frau in der Kirche zu sprechen. «Man kann eine Glaubensgemeinschaft nicht jeden Tag neu gestalten, aber man kann auch nicht so tun, wie wenn 2.000 Jahre nichts passiert wäre», sagte Bundschuh, der vor einigen Wochen aus der Kirche ausgetreten ist. «Und über gewisse Dinge sollte ein Dialog stattfinden - der wird immer abgewürgt.»

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