Kaderschmiede hilft VBS: Offiziersschule wird Teil des HSG-Studiums
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Kaderschmiede hilft VBSOffiziersschule wird Teil des HSG-Studiums

Statt in Seminare zu sitzen, dürfen HSG-Studenten künftig bei Kriegsspielen Punkte sammeln. Gleiches Recht für Familienmütter und Pfadileiter wirds aber nicht geben.

von
Simon Hehli
Die HSG honoriert die militärische Führungsausbildung - und die Armee freut sich, dass damit die Attraktivität einer Offizierslaufbahn wieder steigt.

Die HSG honoriert die militärische Führungsausbildung - und die Armee freut sich, dass damit die Attraktivität einer Offizierslaufbahn wieder steigt.

Die Kaderschmiede Uni St. Gallen (HSG) macht einen bemerkenswerten Schritt: Offiziere der Schweizer Armee dürfen sich ihre militärische Laufbahn ans Studium anrechnen lassen. Wie die Armee am Donnerstag mitteilte, gibt es für die Offiziersschule und das Abverdienen im Bachelor-Studium sechs ETCS-Punkte, für Fouriere und Feldweibel vier. Kompaniekommandanten oder Stabsoffiziere kriegen fürs Masterstudium nochmals sechs Punkte – und sparen sich damit gut zwei Monate Studium (siehe Box).

Armeesprecher Walter Frik frohlockt: «Die Anerkennung durch die HSG ist eine zusätzliche Motivation für Leute, die bisher gezweifelt haben, ob sich ein Studium und eine Karriere als Offizier oder höherer Unteroffizier aneinander vorbei bringen lassen.» Es sei besonders erfreulich, dass sich eine derart renommierte Hochschule zu diesem Schritt entschlossen habe. «Das dürfte Signalwirkung für andere Universitäten haben.» Laut Frik ist die Armee mit verschiedenen Bildungsinstituten im Gespräch.

So ködert die HSG gute Studenten

Wie die Armee betont, kam die Initiative für die Anerkennung der Offiziersausbildung von der HSG. Der Mediensprecher der Hochschule, Marius Hasenböhler, sagt zu 20 Minuten Online, die Offiziersausbildung entspreche gewissen Inhalten des HSG-Kontextstudiums.

Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger spricht von einem geschickten Schritt der HSG. Zwar sei eine militärische Laufbahn für die Elite weniger zwingend als früher. «Doch noch immer sind Leute, welche die Offiziersschule durchlaufen, überdurchschnittlich fähig.» Die Unis stünden heute in einem harten Kampf um die besten Köpfe, sagt Eichenberger. Denn je besser die Studienanfänger, umso besser auch die Absolventen – und umso besser letztlich auch der Ruf der Hochschule.

Mit dem Angebot an Offiziere habe die HSG nun einen weiteren Trumpf im Ärmel. Sie biete talentierten Führungskräften, die nicht aufs Militär verzichten wollen, ein Studium zum Dumpingpreis: «Nicht mit finanziellen, dafür mit zeitlichen Anreizen. Und Zeitersparnis ist gerade für Karrieremenschen heute noch wertvoller», betont Eichenberger.

Auch Pfadi und Zivildienst anerkennen?

SP-Nationalrätin Chantal Galladé, Präsidentin der sicherheitspolitischen Kommission, begrüsst es, dass die Offiziersausbildung durch den Deal mit der HSG an Attraktivität gewinnt. Die Linke trete zudem schon lange dafür ein, dass sich Studenten ausserhalb des Studiums erworbene Kompetenzen anrechnen lassen können. «Es ist ein starkes Signal, wenn die HSG anerkennt, dass Offiziere sich Führungsqualitäten sowie Entscheidungskonsequenzen aneignen.»

Die Anerkennung solcher Leistungen dürfe jedoch nicht auf den militärischen Bereich beschränkt bleiben, verlangt Galladé. «Auch wer eine fünfköpfige Familie managt oder im Zivildienst Behinderte betreut, macht wertvolle Erfahrungen.» Gleicher Meinung ist Ökonom Eichenberger: «Konsequenterweise muss man alles anerkennen, also auch den Pfadieinsatz – oder nichts.»

HSG-Sprecher Hasenböhler zeigt sich skeptisch. «Wir würden sicher andere Ausbildungsangebote prüfen, wenn sie an die HSG herangetragen würden.» Aber dafür brauche es klar fassbare Reglemente und Qualifikationen, wie sie die Offiziersausbildung biete. «In Bezug auf die Pfadi oder die Arbeit in der Familie erscheint mir das nicht sehr realistisch.»

«Armeekarriere wird immer unattraktiver»

Einer «Militarisierung der Hochschulen» gar nichts abgewinnen, kann der grüne Vizepräsident und Pazifist Jo Lang. Für ihn handelt es sich um einen verzweifelten Versuch der Armee, doch noch an gute Leute heranzukommen. «Eine militärische Karriere wird je länger je unattraktiver.» Nicht nur seien immer weniger Leute vom Sinn der Armee überzeugt, sagt der Vordenker der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). «Es ist auch schwierig geworden, eine Karriere in der Wirtschaft mit einer im Militär unter einen Hut zu bringen – gerade in international ausgerichteten Firmen.»

Der frühere Nationalrat bezweifelt auch, dass die Offiziere Dinge lernen, die für eine Uni wie die HSG anerkennungswürdig sind. Armeesprecher Walter Frik kann da noch lange betonen, die Armee sei die beste «praktische Führungsschule der Schweiz». Lang erwidert, die Distanz zwischen zivilen und militärischen Führungskompetenzen sie heute viel grösser als früher. «Das heutige Manager-Credo sind flache Hierarchien und Teamwork. Eine Armee, die sich auf einen Krieg vorbereiten muss, funktioniert ganz anders.»

360 Stunden weniger Studium

Für einen Bachelor-Abschluss brauchen HSG-Studenten 180 ETCS-Punkte. Einen Master gibts für 90 bis 120 Punkte, wobei ein Punkt einem Arbeitsaufwand von rund 30 Stunden entspricht. Die Offiziere können sich dementsprechend dank ihrer 6 oder 12 ECTS-Punkte bis zu 360 Stunden Pauken an der Uni sparen. Sie müssen weniger Seminare im Fachbereich Handlungskompetenz besuchen.

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