Kult-Café in Basel: «Offline leben zu können ist heute sehr wichtig»
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Kult-Café in Basel«Offline leben zu können ist heute sehr wichtig»

Leben wir am Leben vorbei? Diese Frage beschäftigt die Gründer des Unternehmens Mitte. Nun richten sie im Kaffeehaus die erste offizielle Offline-Zone Basels ein.

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Das Unternehmen Mitte richtet ab Montag eine Offline-Zone ein. (Video: Stefan Viliotti)

Die virtuelle Welt hinter sich lassen und für einmal offline gehen – ist das heute überhaupt noch möglich? Ja, findet Daniel Häni, Mitgründer des Kaffeehauses Mitte im Herzen von Basel. Der 52-Jährige hat sich dazu entschlossen, in seinem Lokal «ein Statement zu setzen» und darin eine offizielle WLAN-freie-Zone einzurichten. Dabei bot das Unternehmen in der ersten Dekade des Jahrtausends seine Gästen schon sehr früh ein eigenes Wlan an.

«Wir wollen einen neuen Trend setzen und die Präsenz der Menschen mehr ins Hier und Jetzt holen», erklärt er. Ab Montag wird das Zentrum des Kaffeehauses – also wortwörtlich die Mitte der Mitte – offline gehen, wie die «bz Basel» berichtet.

Dem Druck der Verfügbarkeit entkommen

Auf den ersten Blick scheint dies fast wie eine Massnahme, die dem Menschen die virtuelle Welt verbieten will. Doch beim zweiten Hinsehen stellen sich selbstkritische Fragen ein: Bin ich tatsächlich zu oft am Handy oder am Laptop? Komme ich überhaupt noch ohne aus?

Genau dieser Effekt der Selbstreflexion ist Hänis Ziel: «Wem schenke ich meine Aufmerksamkeit? Wir rücken diese Frage ins Bewusstsein», sagt er. Aufmerksamkeit und Zeit seien das Wertvollste, was die Menschen besitzen, und sollten nicht von der digitalen Welt besetzt werden. Denn in der heutigen hektischen Welt würden solche Ressourcen immer knapper, aber auch wertvoller. Häni: «Wir glauben, ‹offline› ist ein neues Bedürfnis, um der ständigen Verfügbarkeit zu entkommen.»

Markiert wird die neue Zone mit dem umgekehrten WLAN-Zeichen, designt von einem Künstler aus Island: «In dem neuen Piktogramm verwandelt sich das WLAN-Zeichen in einen Menschen und visualisiert unseren Grundgedanken perfekt», so Häni.

Unterscheidung zwischen Angebot und Verbot

Auch wenn die Idee ein Wagnis ist, glaubt Häni fest daran: «Diesen Trend gibt es in den USA schon. Offline wird in, online out», findet er. Für ihn ist das Kaffeehaus für die Umsetzung dieser Idee der optimale Ort, weil dort das Zwischenmenschliche im Vordergrund stehe und Raum für die Selbstreflexion biete.

Besonders wichtig ist Häni aber die Unterscheidung zwischen Verbot und Angebot: «Uns geht es nicht um das Technische und wir wollen den Menschen die digitale Welt nicht verbieten. Die Offline-Idee ist ein Kultur-Impuls.» So soll es im Kaffeehaus auch weiterhin WLAN geben, jedoch «nur» ausserhalb der markierten Zone.

Offline stärkt das Wohlbefinden

Ob das Projekt erfolgreich sein wird, wird die Zeit zeigen, denn der Erfolg ist individuell und liegt bei jedem selbst. Gäste zeigen aber schon jetzt ihre Bereitschaft, mitzumachen: «Offline leben zu können, ist gerade in heutigen Zeiten der Internet-Sucht sehr wichtig», findet Besucher Domenique. Auch Astrid ist begeistert von der Idee: «Dann können die Menschen wieder mehr ins Gespräch kommen.»

Auch aus psychologischer Sicht soll sich eine Offline-Zone positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken, wie Renanto Poespodihardjo, Leitender Psychologe der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel erklärt: «Weil wir permanenten Zugriff auf unsere digitale Medien haben, langweilen wir uns auch nicht mehr, dabei ist diese ‹lange Zeit› für uns Menschen wichtig. Dann nämlich entwickeln wir Problemlösestrategien oder sind kreativ.»

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