IT-Welt der Zukunft: «Offline zu sein wird zum neuen Luxus»
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IT-Welt der Zukunft«Offline zu sein wird zum neuen Luxus»

Für 20 Minuten blickt der Futurist Gerd Leonhard in die Zukunft: Von virtuellen Welten, Cyber-Super-GAUs und dem Luxus, sich der digitalen Kommunikation entziehen zu können.

von
T. Bolzern
Der Schweizer Futurist Gerd Leonhard berät Firmen wie Google, Nokia oder Youtube bei Zukunftsfragen. (Bild: Micke Groenberg)

Der Schweizer Futurist Gerd Leonhard berät Firmen wie Google, Nokia oder Youtube bei Zukunftsfragen. (Bild: Micke Groenberg)

Herr Leonhard, wie wird die IT-Welt in fünf Jahren aussehen?

80 Prozent der Internetnutzung werden auf mobilen Geräten stattfinden. Zudem werden die Schnittstellen zwischen Mensch und Computer radikal verändert. Wir werden das Internet viel organischer nutzen. Holografien, projizierte 3-D-Bilder im Raum, die heute noch zu geeky sind, werden in fünf Jahren normal sein. Neue Techniken werden erschwinglicher und uns zum Beispiel das virtuelle Reisen ermöglichen.

Das heisst, in fünf Jahren werden wir alle virtuell nach Hawaii reisen, um dort den Sonnenuntergang zu sehen?

(lacht) Einige grosse Sprünge werden noch lange dauern. Wie zum Beispiel die Tele-Präsenz, sprich sich in einer entfernten Umgebung anwesend zu fühlen. Oder die sogenannte Singularität - also Maschinen, die eine emotionale Intelligenz besitzen. Schon heute kann man aber zum Beispiel per Virtual-Reality-Brille Oculus Rift in virtuelle Welten abtauchen. Die Technik wird nun zunehmend schneller und billiger, sodass es bald so normal sein wird wie ein SMS zu schreiben.

Die rasante Entwicklung ist auch bei der Vernetzung zu sehen: Waren 1995 erst 16 Millionen Menschen online, sind es heute über 3 Milliarden. Was hat das für Auswirkungen?

Sowohl gute als auch schlechte. Das Gute ist, dass sich die Produktivität steigert, da Menschen heute besser und schneller kommunizieren können. Das ist ein Vorteil, aber auch ein Nachteil. Leute arbeiten mehr, weil sie es können.

Wie meinen Sie das?

Social Media zum Beispiel haben dazu geführt, dass wir mehr arbeiten, weil wir zum Beispiel von unterwegs etwas für die Firma posten. Wir befinden uns gerade in dem Prozess, eine Balance zu finden mit dem Internet: Was können und was sollten wir damit tun?

Wird es Leute geben, die sich komplett von der Technologie zurückziehen: Stift und Papier statt Tablet?

Jeden, der das kann, würde ich bewundern. Offline zu sein ist der neue Luxus: Die Option sich auszuklinken wird immer unrealistischer. 99,9 Prozent der Bevölkerung werden sich das niemals leisten können. Sie müssen Mails vom Chef empfangen, informiert sein und schnell reagieren können. Der Offline-Status wird definitiv auch zum Geschäft: Schon heute gibt es Hotels, die das Handy-Netz absichtlich blockieren - das kostet dann extra.

Wo können Sie abschalten?

Mein Vater war Förster und ich bin in der Natur aufgewachsen. Das ist für mich der Platz, wo ich abschalten kann.

Ein grosses Buzzword ist derzeit das sogenannte Internet of Things. 2020 sollen 50 Milliarden Dinge online sein. Ist das für Sie eine wunderbare Zukunftsvision oder ein Albtraum?

Im Englischen gibt es dafür das Wort Hellvan - eine Art Himmel-Hölle. Es bietet unglaubliches Potenzial - aber durch die digitale Vernetzung findet eben auch die totale Überwachung statt. Weitere Risiken sind Cyber-Terror und Cyber-Krieg. Jemand könnte mit einem vernetzten Thermostat etwa bei mir zuhause Feuer entfachen. Deshalb bin ich dagegen, solange nicht klar ist, was mit all unseren Daten passiert und 90 Prozent der Daten derzeit durch Amerika geroutet werden. Das Ziel muss ein einheitlicher Standard im Umgang mit all den Daten sein.

Der ist aber nicht in Sicht - und das Internet of Things ist praktisch um die Ecke.

Die meisten Dinge ändern sich nur durch schmerzvolle Erlebnisse oder Katastrophen. Eine Art Daten-Super-GAU wird es garantiert geben: Bankkonten werden im grossen Stil leergeräumt, Identitäten werden gestohlen. Davon werden ein paar Millionen Leute betroffen sein.

Uns steht also eine düstere Zukunft bevor.

Oder es braucht sehr viel Voraussicht. Hier könnte die Schweiz eine führende Funktion einnehmen. Mein Vorschlag wäre eine Art Qualitätslabel «Swiss Data» einzuführen. Mit dem Signal, dass Daten politisch, ethisch-moralisch und datenschutztechnisch korrekt verwaltet werden. Da sind gigantische Business-Möglichkeiten vorhanden.

Über Gerd Leonhard

Der 52-jährige Schweizer Gerd Leonhard ist ein Tausendsassa: Er studierte Theologie und gewann 1985 den Quincy Jones Award als Jazz-Gitarrist. Zehn Jahre lang arbeitete er als professioneller Musiker, Komponist und Produzent, bevor er mit dem Internetvirus angesteckt wurde. Nachdem er in San Francisco mehrere Start-ups aufgebaut hatte, kehrte er 2002 nach Europa zurück. Das «Wall Street Journal» bezeichnet ihn als einen der führenden Medienfuturisten der Welt. Bereits 1999 sagte er: «Musik wird sein wie Wasser: Überall erhältlich und zu einem festen und günstigen Preis aus dem Internet herunterladbar». Das war rund zwölf Jahre vor dem Start von Spotify.

Als Futurist arbeitet Leonhard heute bei Firmen wie Google, Nokia, Orange oder Youtube als strategischer Berater. Zudem hat er mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Seit 2002 tritt er zudem als Keynote-Speaker auf und hat seither an über 1300 Konferenzen referiert. (tob)

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