Aktualisiert 07.02.2011 14:53

Volksfest der Demokratie

«Oh Mubarak - du bist ein Schuh»

Er wird als der Schauplatz des Aufstandes in Ägypten in die Geschichte eingehen: Der Tahrir-Platz in Kairo. Momentan ist die Stimmung sehr ausgelassen.

von
Diaa Hadid, AP

Musik, Poesie und offene Debatten über Politik: Der Protest auf dem Kairoer Tahrir-Platz - vergangene Woche noch Schauplatz tödlicher Auseinandersetzungen - hat in diesen Tagen eine ungewöhnliche Ausdrucksform angenommen. Die Szenerie wird nun von einem Volksfest der Demokratie bestimmt, das offenbar die Euphorie der Gegner des angeschlagenen Präsidenten Hosni Mubarak, von denen viele seit Tagen auf dem Tahrir-Platz ausharren, nicht erlöschen lassen soll.

Schon am Haupteingang heisst ein Begrüssungskomitee singender und klatschender Männer im Stile einer traditionellen Hochzeitsprozession neue Demonstranten willkommen. «Wir werden mehr und mehr!», rufen sie.

Während Musiker spontane Konzerte geben und Männer Gedichte vortragen, bieten Verkäufer Kartoffelchips, Tee, heisse Gerichte und Socken feil. Unter ihnen ist auch der 30-jährige Obstverkäufer Aschraf Gaber. «Wir müssen das Volk glücklich machen. Macht euren Herzen Luft», ruft er und bittet die Anwesenden, ihre Gedanken auf DIN A4-Transparenten niederzuschreiben. Rasch fügen Freiwillige die Schriftstücke zu einer Reihe von Kollagen zusammen.

«Oh Mubarak - du bist ein Schuh,» ist auf einer von ihnen zu lesen - eine in der arabischen Kultur besonders grobe Beleidigung. «Ein Innenministerium voller Schläger!», steht auf einem anderen.

Arabische Lautenmusik zu Popbeats

In der Nähe lauschen Massen von jungen Männern und Frauen dem Gesang des 29-jährigen Sängers Fadi Michael, der auf einer improvisierten Bühne auf der traditionellen arabischen Laute Oud zu einem Popbeat spielt. «Wir werden nicht still sein! Erhebt eure Stimmen!», singt er, während die Zuhörer begeistert klatschen und auf Zuruf den Refrain wiederholen.

Nicht weit von dort frönen die Menschen einer anderen äusserst beliebten Freizeitbeschäftigung im arabischen Raum - dem Gedicht. So sorgt ein älterer Mann auf einer behelfsmässigen Bühne mit kunstvollen Reimen für Begeisterung. «Ich bin ein Bauer mit einer Weizengarbe/Für die Leute ist das meine Gabe,» rezitiert er.

Offene Diskussion über Politik

Wurden Steine zuletzt noch als Wurfgeschosse gegen Anhänger von Mubarak eingesetzt, werden sie nun von Demonstranten genutzt, um gegen Mubarak gerichtete Parolen wie «geh!» auf den Boden zu ritzen. Unweit davon sind junge Erwachsene zusammengekommen, um über die Ereignisse des Tages zu diskutieren. Noch vor dem 25. Januar hätte es sich wohl kaum ein Ägypter träumen lassen, sich jemals so offen über Politik äussern zu können.

«Wir üben hier eine respektvolle Streitkultur ein,» erklärt der 28-jährige Naschat Cross, der als Übersetzer arbeitet. Besonders schätze er die kultivierten Debatten, sagt er. Von Zeit zu Zeit skandiert jemand einen Schlachtruf gegen Mubarak. Hunderte stimmen klatschend mit ein, während einige Männer zu dem Rhythmus der Gesänge einen Bauchtanz aufführen.

Am Ausgang steht im Stile einer traditionellen ägyptischen Hochzeitsprozession eine Gruppe singender Musiker Spalier. Einige schwenken die ägyptische Fahne, während andere scheidende Besucher zu Klängen von Harmonikas und Trommeln verabschieden. «Ihr kommt doch sicher zurück?», singen sie. «Ihr kommt zurück, um uns zu befreien!»

Eindrücke vom Tahrir-Platz dieser Tage (Quellen: YouTube):

Friedenslieder

Eine Hochzeit mitten im Tahrir-Platz

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