Hilfe für Menschen in Not - «Ohne die Facebook-Gruppe hätte ich meinem Sohn nichts zum Geburtstag schenken können»
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Hilfe für Menschen in Not«Ohne die Facebook-Gruppe hätte ich meinem Sohn nichts zum Geburtstag schenken können»

Hier werden Menschen unterstützt, denen das Geld oft nicht einmal für Essen reicht, und die am Existenzminimum stehen. Eine Betroffene erzählt, wie ihr und ihren Kindern geholfen wurde.

von
Deborah Gonzalez
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Jacqueline B. ist alleinerziehende Mutter und kommt kaum über die Runden. Oft ist sie auf externe Hilfe angewiesen.

Jacqueline B. ist alleinerziehende Mutter und kommt kaum über die Runden. Oft ist sie auf externe Hilfe angewiesen.

Privat
Zusammen mit drei weiteren Helfer*innen hat Mara Silvestri die Facebook-Hilfegruppe gegründet.

Zusammen mit drei weiteren Helfer*innen hat Mara Silvestri die Facebook-Hilfegruppe gegründet.

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Oft haben die Mitglieder der Facebook-Gruppe nicht genügend Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen. Dann kauft jemand für sie ein.

Oft haben die Mitglieder der Facebook-Gruppe nicht genügend Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen. Dann kauft jemand für sie ein.

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Darum gehts

  • Mara Silvestri hat mit einer Kollegin eine Facebook-Gruppe gegründet, die Leuten, die am Existenzminimum leben, helfen soll.

  • Mittlerweile hat die Gruppe 7720 Mitglieder. Die einen bieten ihre Hilfe an, die anderen brauchen dringend Hilfe.

  • Alleine im Jahr 2020 wurde 10’376 Mal geholfen.

  • Die alleinerziehende Jacqueline B. ist oft knapp bei Kasse, ihr konnte dank der Gruppe mehrmals geholfen werden.

«Ich kann meine Rechnungen nicht bezahlen», «Ich bräuchte Milch und Brot für das Abendessen» oder «Mein Sohn hat bald Geburtstag und ich habe kein Geld für Geschenke»solche und weitere Kommentare sind auf der Facebook-Gruppe «Hilfe mit Herz für Menschen in Not Schweiz» zu finden. Insgesamt 7720 Mitglieder suchen oder bieten seit 2017 dort Hilfe an.

Zusammen mit einer Kollegin hat die Thurgauerin Mara Silvestri diese Gruppe ins Leben gerufen, um anderen zu helfen. «Auch in der Schweiz gibt es viele, denen es nicht gut geht, die am Existenzminimum, oder sogar darunter leben. Wir wollen, dass es ihnen besser geht», sagt die 39-Jährige. Egal ob Lebensmittel- oder Sachspendenalles, was man zum Leben braucht, kann in der Gruppe erfragt werden.

«Ich habe noch einen 100 Franken Gutschein für Lebensmittel», oder «Meine Kinder sind aus ihren Kleidern herausgewachsen, möchte die jemand haben?», sind einige der Kommentare, die die Helfer*innen in die Gruppe posten. Etwa die Hälfte der Mitglieder sind Helfende. «Es herrscht eine extreme Solidarität. Leute sind auf dringende Hilfe angewiesen und die Gruppe zögert nicht – das ist toll», sagt Silvestri.

10’376 Mal konnte bereits geholfen werden

Eine, der die Facebook-Gruppe schon öfter helfen konnte, ist Jacqueline B.* Die Aargauerin ist Hausfrau und alleinerziehende Mutter. Oft ist sie auf die Hilfe von Anderen angewiesen, weil das Geld Ende des Monats knapp wird. Seit 2017 ist sie bereits Mitglied, hat eigenen Angaben zufolge über zehn Mal Hilfe in Anspruch genommen. «Letzten Monat habe ich gesehen, dass jemand einen 100 Franken Einkaufsgutschein angeboten hat – das kam mir sehr gelegen, weil mein Sohn Geburtstag hat und ich kein Geld für Geschenke oder sonstiges mehr habe», sagt die 44-Jährige.

Die Mitglieder der Gruppe helfen täglich, doch dazuzugehören, ist nicht ganz einfach, wie Gruppen-Admin Silvestri erzählt: «Die Mitglieder werden vorher geprüft, bestimmte Fragen müssen beantwortet werden. Wie ist die momentane Situation, wovon leben sie?» Das sei nötig, denn das eine oder andere «schwarze Schaf» habe es auch schon gegeben. Trotzdem würden die positiven Erfahrungen überwiegen, erklärt Silvestri. Alleine im letzten Jahr habe die Gruppe, die neben Silvestri noch drei weitere Admins wie auch vier Moderatoren hat, 10’376 Mal helfen können. Seit Januar diesen Jahres sollen es bereits 3768 Hilfen gewesen sein. Eine genaue Zahl kann Silvestri für den Monat April nennen: «Mitte April waren es neben den Sachspenden noch weitere 3200 Franken, die gespendet wurden.»

«Sehr oft war die Gruppe der letzte Strohhalm, an den ich mich klammern konnte»

Jacqueline gehört zu den Glücklichen, die im April Hilfe erhalten haben. Trotzdem sei sie weniger der Typ, der aktiv um Hilfe bittet, aber wenn sie etwas sieht, bewerbe sie sich gerne, betont sie. «Ich hatte Glück und habe den Gutschein gewonnen. Ohne die 100 Franken wäre der Geburtstag meines Sohnes ins Wasser gefallen.» Die letzte Tierarzt-Rechnung sei zu hoch gewesen, die Ersparnisse der Familie aufgebraucht. Das Geld fehle an jeder Ecke. «Eigentlich bin ich mit meinen drei Kindern und den drei Katzen jeden Monat auf Hilfe angewiesen. Irgendwie schlängelt man sich dann trotzdem durch. Aber sehr oft war die Gruppe auch mein letzter Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Man hofft und betet, dass man Hilfe bekommtwas anderes bleibt einem ja nicht übrig», sagt sie.

Mara Silvestri freut sich, dass sie mit ihrer Gruppe anderen Menschen helfen kann. Auch wenn damit viel Arbeit verbunden ist - die dreifache Mutter investiert laut eigener Angabe täglich bis zu vier Stunden in die Facebook-Gruppe. «Es ist mehr Arbeit als man denkt. Es geht von Fragen beantworten, über Kostenbesprechungen bis zu Budgetberatungen», sagt sie. Doch die Arbeit zahlt sich für die Thurgauerin aus: «Es reicht mir, die Leute lächeln zu sehen und dass sie ihre Sorgen zumindest für einen kurzen Zeitraum vergessen.»

«Die Facebook-Gruppe hilft materialistisch und psychisch»

Jacqueline tue die Gruppe gut, da sie so Gleichgesinnte gefunden habe. «Die Gruppe hilft mir nicht nur materialistisch, sondern auch psychisch.» Dabei geht es laut der Aargauerin um ein Geben und Nehmen. Auch sie verschenkt die Kleidung, aus der ihre Kinder rauswachsen.

In einem sind sich Silvestri und Jacqueline einig: «Es ist schön zu sehen, dass es noch Leute gibt, die einander helfen, ohne jegliche Vorurteile oder Vorwürfe.»

*Name der Redaktion bekannt

«Der Tag der guten Tat» ist eine Initiative von Coop Schweiz.

«Der Tag der guten Tat» ist eine Initiative von Coop Schweiz.

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