Korea-Konflikt: «Ohne die USA darf Südkorea nicht feuern»
Aktualisiert

Korea-Konflikt«Ohne die USA darf Südkorea nicht feuern»

Brennende Häuser, tote Soldaten: Korea-Experte Walter Eggenberger erklärt, weshalb Nordkorea auf den Süden schiesst. Und warum die Lösung in Peking liegt.

von
Adrian Müller

Nordkorea schiesst 200 Granaten auf eine südkoreanische Insel. Weshalb diese Eskalation?

Walter Eggenberger: Der Granatenangriff scheint eine weitere Provokation von Nordkorea zu sein. Genauso wie die Versenkung eines südkoreanischen Schiffes im März dieses Jahres, welche auch im umstrittenen Grenzgebiet erfolgte. Es muss sich aber nicht um eine gezielte Eskalation handeln: In der nordkoreanischen Regierung finden derzeit Flügelkämpfe statt. Das Regime ist sich nicht einig, welche Richtung es in der Aussenpolitik einschlagen soll. Wahrscheinlich haben die Militärs den Angriff befohlen, sie sind die eigentlichen Hardliner in der Führungsspitze.

Beobachter sprechen vom gravierendsten Zwischenfall seit dem Ende des Korea-Krieges 1953. Bricht jetzt ein Krieg aus?

Ich halte den Zwischenfall eher für ein weiteres Geplänkel. Es droht kein Krieg. Zwischen den beiden Ländern ist schon derart viel passiert, ohne dass der Konflikt ausartete. Neu ist aber, dass die Nordkoreaner auch die südkoreanische Zivilbevölkerung mit Granaten angreifen. Die Nordkoreaner werden aber wie immer behaupten, Südkorea habe zuerst angegriffen.

Hat Diktator Kim Jong Il die Zügel noch in der Hand?

Sein Sohn Kim Jong Un strebt an die Spitze und will sich profilieren – wie es der Vater in jungen Jahren auch gemacht hat. Damals galt dieser als Terrorchef, als er den Abschuss eines südkoreanischen Flugzeugs anordnete. Die Geschichte wiederholt sich: Es gibt viele Hinweise, dass der Sohn die Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffes im März befohlen hat. Mit dieser Politik der Provokation wollen die Hardliner das Klima verschlechtern und damit verhindern, dass Nordkorea bei der Atomfrage an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

Nordkorea versenkt Kriegsschiffe, schiesst Granaten auf Zivilisten. Wie lange lässt sich Südkorea diese Provokationen noch gefallen?

Das ist die 100 000-Dollar-Frage. Die Messlatte liegt mittlerweile hoch: Auf die 40 toten Soldaten im März hat Südkorea nicht militärisch reagiert. Zwei tote Soldaten werden also kaum grossen Aktionismus in Seoul auslösen. Die Unruhe in der Bevölkerung wächst aber zusehends. Aber: Ohne das Einverständnis der Amerikaner kann Südkorea keinen Schuss abfeuern.

Wer kann eine weitere Eskalation verhindern?

Die Lösung liegt in Peking. China muss nun beweisen, dass es Nordkorea noch im Griff hat und die Angriffe unterbindet. Es ist aber erstaunlich, wie viel Freiraum Peking den Nordkoreanern etwa bei dem Bau der Atombombe lässt. Nordkorea hat wenige hundert Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt einen Atommeiler aufgestellt. Bei einem Störfall könnte eine radioaktive Wolke innerhalb weniger Stunden Peking erreichen.

Zur Person

Der ehemalige «10vor10»-Moderator Walter Eggenberger (66) war für das Schweizerische humanitäre Korps in Nordkorea tätig. Als Reiseleiter besucht er zudem das Land regelmässig. Eggenberger studierte an der Uni St. Gallen Tourismus.

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