Impfdurchbruch - «Ohne Impfung hätten wir in Kürze Tausende Corona-Tote mehr»
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Impfdurchbruch«Ohne Impfung hätten wir in Kürze Tausende Corona-Tote mehr»

Trotz vollständiger Impfung können Infektionen und Todesfälle vorkommen. Experten sind sich einig: Diese sind selten und ohne Impfungen wäre die Lage viel dramatischer.

von
Daniel Graf
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Trotz doppelter Impfung mit einem mRNA-Impfstoff kann es zu einer Infektion mit Covid-19, einem sogenannten Impfdurchbruch, kommen. 

Trotz doppelter Impfung mit einem mRNA-Impfstoff kann es zu einer Infektion mit Covid-19, einem sogenannten Impfdurchbruch, kommen.

20min/Celia Nogler
300 Fälle waren bis 22. Juli in der Schweiz bekannt. 

300 Fälle waren bis 22. Juli in der Schweiz bekannt.

20min/Celia Nogler
Das entspricht bei fast vier Millionen vollständig geimpften Personen einer Impfdurchbruch-Quote von rund 0,0075 Prozent. 

Das entspricht bei fast vier Millionen vollständig geimpften Personen einer Impfdurchbruch-Quote von rund 0,0075 Prozent.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Trotz Impfung kann es zu Infektionen, Hospitalisationen und Todesfällen durch das Corona-Virus kommen.

  • Experten sagen, die bisher in der Schweiz veröffentlichten Zahlen seien sogar noch etwas tiefer als erwartet. Todesfälle gab es fast ausschliesslich in der Gruppe der über 80-Jährigen.

  • Trotz dieser Impfdurchbrüche sei klar: Ohne Impfung wären wir deutlich schlechter dran und das Risiko-Nutzen-Verhältnis spreche ganz klar für eine Impfung.

300 Erkrankungen, 78 Hospitalisationen und 18 Tote trotz vollständiger Impfung bis am 22. Juli 2021. Das ist die Schweizer Bilanz seit Beginn der Impfkampagne. Ein Blick auf die Altersverteilung und die Verteilung nach Geschlecht zeigt: Wie bei den Ungeimpften steigen auch bei den doppelt Geimpften die Fälle, die Hospitalisationen und die Todesfälle mit dem Alter an. Von den 18 gemeldeten Todesfällen waren 17 über 80 Jahre, ein Mann zwischen 50 und 59 ist ebenfalls verstorben.

Das dürfte laut Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, zwei Gründe haben: «Erstens ist bekannt, dass der Impfschutz bei älteren Personen und Menschen mit Vorerkrankungen weniger gut ist als bei jüngeren und solchen ohne Vorerkrankungen. Und zweitens nimmt er mit der Zeit ab.» Da die älteren Personen zuerst geimpft worden seien, dürfte der Impfschutz bei ihnen schon stärker nachgelassen haben. Die Zahlen zeigen auch: Impfdurchbrüche bei jüngeren Personen sind nicht ausgeschlossen, aber weniger häufig.

Von den Zahlen zu den Impfdurchbrüchen zeigt Jürg Utzinger sich alles andere als überrascht. Anhand einer vereinfachten Rechnung (siehe unten) zeigt er auf, dass dank der Impfung rund 93 Prozent der erwartbaren Hospitalisationen und Todesfälle haben verhindert werden können. «Auch wenn für diese Rechnung einige Annahmen getroffen werden mussten, können wir klar festhalten: Die in der Schweiz verwendeten mRNA-Impfstoffe schützen hervorragend vor einer Corona-Infektion und insbesondere vor schweren Covid-Verläufen und Todesfällen.»

«Es hat nie jemand gesagt, dass die Impfung 100 Prozent Schutz bietet»

Eine klare Meinung hat auch Manfred Kopf, Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes und Immunologe an der ETH Zürich: «Es hat nie jemand gesagt, dass eine Impfung einen hundertprozentigen Schutz bietet. Doch 300 Impfdurchbrüche und 18 Tote auf fast vier Millionen Impfungen sind sogar noch weniger als erwartet.»

Für Kopf ist klar: «Ohne diese Impfung hätten wir aufgrund der Delta-Variante in Kürze wieder mehr tägliche Hospitalisationen als in der Spitze der zweiten Welle und tausende Corona-Tote mehr, wie eine Modellierung der Situation in England zeigt.» Dass die absoluten Zahlen von Impfdurchbrüchen mit steigender Impfquote hoch gehe, sei «so sicher wie das Amen in der Kirche» gewesen.

Der Immunologe erklärt: «Je nach Alter und allfälligen Vorerkrankungen ist das Risiko, wegen Covid-19 im Spital zu landen oder gar daran zu versterben um das 20- bis 30-fache geringer.» Demgegenüber stehe das Risiko, für einen oder zwei Tage Nebenwirkungen bis hin zu Fieber oder Schüttelfrost zu haben. «Es ist frustrierend zu sehen, dass sich trotzdem so wenige Menschen impfen lassen. Ich kenne keinen seriösen Experten, der die Impfung nicht empfehlen würde.»

Experte empfiehlt auch gesunden Jungen die Impfung

Das gelte nicht nur für die Risikopersonen, denn: «Auch wenn das Risiko an Corona zu versterben für einen gesunden 20-Jährigen verschwindend gering ist, gibt es Gründe für die Impfung: Einerseits Long Covid, das auch bei leichten Verläufen noch monatelang Schwierigkeiten auslösen kann. Und andererseits die Einsicht, dass wir nur aus dieser Pandemie kommen und alle Massnahmen aufheben können, wenn wir eine genügend hohe Impfquote erreicht haben.»

Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass rund 65 Prozent Geimpfte dafür ausreichen würden. «Aufgrund der neuen, ansteckenderen Varianten wurde diese Zahl auf rund 85 Prozent nach oben korrigiert», sagt Kopf. Wer sich nicht impfen lassen wolle, müsse sich vor Augen halten, dass er dazu beitrage, die Pandemie zu verlängern.

«Manchmal macht es mich wütend»

«Manchmal macht es mich wirklich wütend, wenn Neunmalkluge irgendwelche Pseudo-Wissenschaftler zitieren und meinen, sie wüssten mehr über die Impfung als der allergrösste Teil der Wissenschaft», sagt Kopf. «Der ist sich nämlich sicher, dass das Risiko-Nutzen-Verhältnis glasklar für die Impfung spricht.»

Mindestens 26’000 Fälle verhindert

«Rechnungen und Modelle in der Epidemiologie hängen immer von verschiedenen Faktoren und Annahmen ab», sagt Jürg Utzinger. Die Berechnung, die er angestellt hat, um die Zahlen zu den Impfdurchbrüchen zu beurteilen, dürfe deshalb nicht als verbindlich und exakt präzise angeschaut werden, sei aber nach wissenschaftlichen Grundsätzen erarbeitet worden. Sie geht laut Utzinger so:

«Unter der Annahme, dass von Januar bis Juli 2021 die Impfrate in etwa konstant war, hätten wir in der Schweiz bis anhin ca. eine Million Personenjahre mit Impfschutz.

Bei einer durchschnittlichen 14-Tage-Inzidenz von 100 Fällen auf 100’000 Personen, einer Hospitalisationsrate von vier Prozent und einer Fallsterblichkeit von einem Prozent würden wir bei den geimpften Personen erwarten, dass mindestens 26’000 Fälle, 1040 Hospitalisationen und 260 Todesfälle verhindert wurden.

Diese Annahmen sind alle sehr grob und zeigen lediglich auf, in welcher Grössenordnung wir uns bewegen.

Aus den so hergeleiteten Zahlen kann geschlussfolgert werden, dass sowohl die Hospitalisationen als auch die Todesfälle rund 93 Prozent tiefer liegen, bei den vollständig geimpften Personen.»

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