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Doktor Sex«Ohne Kind hat das Leben für mich keinen Sinn!»

Miriam und ihr Freund versuchen erfolglos Nachwuchs zu zeugen. Für sie bricht eine Welt zusammen.

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Frage von Miriam (36) an Doktor Sex: Mein Freund und ich versuchen seit einem Jahr ein Kind zu zeugen. Leider bisher erfolglos. Wir sind dafür jetzt in ärztlicher Behandlung. Nun kam aber gestern meine beste Freundin und sagte, dass sie schwanger sei. Eigentlich freue ich mich für sie. Gleichzeitig gab mir die Begegnung aber auch einen Stich ins Herz. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen und mir ist alles gleichgültig. Wie ist das bloss möglich und warum ist das Leben so unfair?

Ich komme mir so absolut minderwertig und nutzlos vor, da Kinder immer mein grosses Lebensziel waren. Nun wurde mir dieses aber irgendwie einfach weggenommen. Mein Freund versteht meine Traurigkeit gar nicht und hat mir schon das Messer an den Hals gesetzt, da ich auch keine Lust mehr auf Zärtlichkeiten von ihm habe. Er meinte, wenn sich meine Laune nicht sehr bald bessere, habe das mit uns wohl keinen Sinn mehr. Wie komme ich aus diesem Loch wieder raus?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Miriam

Wenn einem im Leben etwas weggenommen wird – etwas, wofür es sich zu leben gelohnt und womit man sich verbunden hat, kann dies eine tiefe Sinnkrise zur Folge haben. Man glaubt dann manchmal, das Leben habe nun keinen Sinn mehr und es wäre möglicherweise besser, dem ganzen Leiden ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Du scheinst in einer ähnlichen Situation zu sein, auch wenn dein Verlust nicht etwas betrifft, womit du bereits real in Kontakt gekommen bist und Erfahrungen gemacht hast, sondern eine Idee, ein Bild – einen Wunschtraum. Trotzdem sind dein Schmerz und deine Traurigkeit wirklich und auch entsprechend wirksam.

Dass dein Freund ungeduldig wird und dich unter Druck setzt, darfst du ruhig als seine Abwehrstrategie deuten. Da er wahrscheinlich selber ziemlich heraus- und wahrscheinlich sogar etwas überfordert ist von eurem vorläufigen Misserfolg beim Versuch, ein Kind zu zeugen, dies aber (noch) nicht aussprechen kann, lässt er seinen Frust einfach mal an dir ab.

Sinnvoller als der individuelle Rückzug in eine Überlebensstrategie, die euch voneinander trennt, könnte sein, euch in dieser Herausfordernden Situation zu verbinden und nach Möglichkeiten beizustehen. Umso mehr, da ihr euch ja noch mitten im Prozess befindet und die Möglichkeiten, um doch noch ein Kind zu zeugen, nicht vollständig ausgeschöpft sind.

Aus diesem Grund besteht im Moment auch kein Anlass, deinen Lebenstraum zu beerdigen und dich nutzlos zu fühlen. Denn egal, wie diese Geschichte ausgeht: Es gibt unzählige andere Möglichkeiten, deinem Leben einen neuen Sinn zu geben – sogar mit Kindern. Es hindert euch niemand daran, einen Sohn oder eine Tochter zu adoptieren.

Wenn du es schaffst, deinen Blick etwas zu heben, wirst du einen Raum entdecken, der über dich hinausgeht und dir ermöglicht, dein Leben zu gestalten und dich nicht mehr nur als Opfer von Umständen zu erleben, die du letztlich gar nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen kannst. Alles Gute – und viel Glück auf eurem Weg zur Elternschaft!

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