Das Duell: «Ohne Mehrheit ist auch die beste Vorlage wertlos»
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Das Duell«Ohne Mehrheit ist auch die beste Vorlage wertlos»

Er schwänzt als Nationalrat die Sitzungen mehr als jeder andere, sie hat die höchste Präsenzzeit. Hans Rudolf Gysin (FDP) und Anita Lachenmeier (Grüne) über Milizpolitik und die Pflichten gegenüber den Wählern.

«Die Anwesenheit im Ratssaal sagt nichts über den Einfluss eines Politikers aus» - «Oft sind nur wenige Stimmen ausschlaggebend»: Die Nationalräte Hans Rudolf Gysin und Anita Lachenmeier über die Präsenz in Bundesbern.

«Die Anwesenheit im Ratssaal sagt nichts über den Einfluss eines Politikers aus» - «Oft sind nur wenige Stimmen ausschlaggebend»: Die Nationalräte Hans Rudolf Gysin und Anita Lachenmeier über die Präsenz in Bundesbern.

Herr Gysin, vertreten Sie Ihre Wähler überhaupt richtig?

Hans Rudolf Gysin: Die Anwesenheit im Ratssaal sagt nichts über den Einfluss eines Politikers aus. Denn die Abstimmung steht immer am Ende eines umfassenden politischen Entwicklungsprozesses. Das Entscheidende passiert vorher, in der Kommission, der Fraktion und bei unzähligen Gesprächen und Abklärungen. Wer seine Wähler nur an Abstimmungen vertritt, macht einen schlechten Job.

Anita Lachenmeier-Thüring: Aber wenn am Schluss keine Mehrheit zustande kommt, kann auch die beste Vorlage, die beste zukunftsorientierte Lösung, nicht umgesetzt werden. Und oft sind nur wenige Stimmen ausschlaggebend. Darum versuche ich, möglichst bei allen Abstimmungen anwesend zu sein.

Dann ist Politik für Sie eher der Beruf als ein Hobby?

Lachenmeier: Es ist sicher gut, wenn man noch mit einem Bein einem anderen Beruf nachgeht. Damit ist der Bezug zur Bevölkerung gewährleistet. Aber die Arbeit als Nationalrätin ist mit den Plenums- und Kommissionssitzungen, den Vorbereitungen und vielen andern politischen Verpflichtungen mindestens ein 70-Prozent-Job. Ich habe deshalb nach der Wahl mein Pensum als Lehrerin auf 30 Prozent reduziert. Ich bin ja dafür gewählt worden, dass ich in Bern die Anliegen meiner Wähler vertrete. Das heisst für mich, dass ich mir eine fundierte Meinung bilde und dementsprechend abstimme.

Gysin: Als Milizpolitiker muss man jedoch einfach effizient politisieren. Für mich stellt die Politik zum Glück auch nach über 30 Jahren persönlichen politischen Engagements noch eine freudvolle Leidenschaft dar. In diesem Sinne ist sie für mich wirklich ein «Hobby», das ich aber mit grosser Ernsthaftigkeit betreibe – wie mein politischer Leistungsausweis beweist.

Müssten Politiker denn nicht nur noch über Themen abstimmen, bei denen sie genug Zeit hatten, sich vorzubereiten?

Lachenmeier: Ich setze mich intensiv mit den Geschäften meiner Kommissionen auseinander. Zudem werden in den Fraktionssitzungen alle wichtigen Vorlagen vorgestellt und diskutiert. So sind alle Fraktionsmitglieder gut informiert.

Gysin: Grundsätzlich ist jedes Geschäft im Parlament wichtig. Trotzdem kann ein Milizpolitiker schlicht nicht in jeder Thematik ein Experte sein. Er muss sich auf seine Kernthemen konzentrieren.

Dennoch: Bräuchte es nicht eine Anwesenheitsquote im Rat?

Gysin: Ich halte grundsätzlich nichts von Quotenregelungen. Eine Anwesenheitsquote würde die Qualität der Politik nicht verbessern, das Gegenteil wäre der Fall.

Lachenmeier: Das stimmt. Die Wählerschaft kann bei den nächsten Wahlen sagen, ob sie sich auch von abwesenden Volksvertretern vertreten fühlt.

Wer steht Ihnen näher: Anita Lachenmeier-Thüring oder Hans Rudolf Gysin?

Auf myVote, der Wahlplattform von 20 Minuten Online, können Sie Ihr politisches Profil mit jenem von Anita Lachenmeier-Thüring vergleichen. (Hans Rudolf Gysin tritt nach 24 Jahren in Bern nicht mehr an - von ihm existiert deshalb kein Kandidatenprofil.) Zuvor müssen Sie aber hier in wenigen Schritten Ihr politisches Profil erstellt haben.

Da Hans Rudolf Gysin nicht mehr für den Nationalrat antritt und deshalb den Fragebogen von Smartvote nicht ausgefüllt hat, zeigt das Spider-Diagramm den Durchschnitt seiner Partei, der FDP Baselland.

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