Vollzeitjob und Mutter - «Ohne meinen Job wäre ich längst ein Sozialfall»
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Vollzeitjob und Mutter«Ohne meinen Job wäre ich längst ein Sozialfall»

Negative Bemerkungen, Seitenhiebe und Vorwürfe: Viele arbeitstätige Mütter müssen sich auch heutzutage noch für ihr Arbeitspensum rechtfertigen. Fünf Frauen berichten von ihren Erfahrungen.

von
Daniel Krähenbühl
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Liridona Skovrcani ist froh, nach der Mutterschaft weiter arbeiten gegangen zu sein. 

Liridona Skovrcani ist froh, nach der Mutterschaft weiter arbeiten gegangen zu sein.

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«Mit einem langen Unterbruch nach der Schwangerschaft hätte ich keine oder nur schlecht wieder Arbeit gefunden», so Skovrcani.

«Mit einem langen Unterbruch nach der Schwangerschaft hätte ich keine oder nur schlecht wieder Arbeit gefunden», so Skovrcani.

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«So weit und fortschrittlich die Schweiz in vielen Bereichen ist, so rückständig sei das Land für Frauen bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie», sagt Linda Bleijenberg. «Auch die veralteten Vorurteile halten sich hartnäckig: Das Rollenbild der Frau ist noch immer das der liebenden Hausfrau und Mutter.»

«So weit und fortschrittlich die Schweiz in vielen Bereichen ist, so rückständig sei das Land für Frauen bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie», sagt Linda Bleijenberg. «Auch die veralteten Vorurteile halten sich hartnäckig: Das Rollenbild der Frau ist noch immer das der liebenden Hausfrau und Mutter.»

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Darum gehts

  • Arbeitstätige Mütter werden auch heutzutage noch oft kritisiert. Die Bemerkungen stammen derweil oft von anderen Frauen.

  • Im Gegensatz zu den Vätern werde von den Müttern immer noch erwartet, dass sie sich vollumfänglich um die Kindeserziehung kümmerten, so die Mütter.

  • «Ich finde, dass man aufhören soll, anderen Leuten ihr Familienmodell diktieren zu wollen», sagt etwa die Ärztin Livia Robustelli Saudan.

Der Fall der ETH-Professorin Rachael Garrett, die aufgrund ihres Vollzeitjobs immer wieder kritisiert wurde, schlug hohe Wellen. Zahlreiche andere Frauen, die Ähnliches oder sogar das Gleiche erleben mussten, haben sich bei 20 Minuten gemeldet. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen:

Liridona Skovrcani (29): «Sie sagte mir, ich sei eine schlechte Mutter»

«Meine ehemalige Schwiegermutter machte mir wegen meiner Arbeitstätigkeit immer wieder Vorwürfe. Ich sei eine schlechte Mutter und darüber hinaus noch egoistisch, würde meine eigenen Interessen vor diejenigen meines Kindes stellen. Ähnliche Vorwürfe hörte ich auch oft von anderen Frauen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sogar mein Ex-Partner unterstützte mich, immerhin konnten wir uns auch viele Ausflüge, Ferien und Geschenke für unser Kind leisten. Mittlerweile bin ich alleinerziehende Mutter und unabhängig. Ohne meinen Vollzeitjob im KV wäre ich längst beim Sozialamt gelandet. Mit einem langen Unterbruch nach der Schwangerschaft hätte ich keine oder nur schlecht wieder Arbeit gefunden.»

Linda Bleijenberg (46): «Wenn ein Vater auf 80 Prozent reduziert, wird er hochgejubelt»

«Seit dem Mutterschaftsurlaub arbeite ich zu 80 Prozent. Ich merke aber, dass das von vielen missbilligt wird, vor allem von anderen Frauen. Ich wurde auch schon gefragt, wieso ich überhaupt ein Kind habe, wenn ich doch weiterarbeiten möchte. So weit und fortschrittlich die Schweiz in vielen Bereichen ist, so rückständig ist das Land für Frauen bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Auch die veralteten Vorurteile halten sich hartnäckig: Das Rollenbild der Frau ist noch immer das der liebenden Hausfrau und Mutter.

Wenn hingegen ein Vater von 100 auf 80 Prozent reduziert, wird er hochgejubelt: Wow, wie toll dieser Vater ist. Ein Super-Daddy, er widmet sich einen vollen Tag seinem Kind. Das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Für mich stimmt es aber, mein Mann und mein Sohn sind glücklich – das ist die Hauptsache.»

E.S.* (44): «Die Männer scheinen hier emanzipierter zu sein»

«Ich bin Mutter von sechs Kindern. Wenn andere Leute das hören, ist der erste Kommentar oft: ‹Aber du arbeitest nicht, gell?› Dass ich eine eigene Praxis führe, was mit einem hohen Arbeitspensum verbunden ist, kommt nicht gut an. Mein Mann arbeitet auch viel, aber solche Aussagen musste er sich noch nie anhören. Interessant finde ich, dass diese Bemerkungen oft von anderen Frauen geäussert werden, die einem ein schlechtes Gewissen machen wollen. Es käme einem Mann nie in den Sinn, mich zu fragen, wieso ich arbeite. Die Männer scheinen hier emanzipierter zu sein.

In der Generation meiner Grossmutter gingen noch extrem viele Frauen einer Arbeit nach. Alle leisteten einen Beitrag, gleichzeitig wurden die Kinder von der ganzen Familie grossgezogen. In der Generation meiner Eltern wurde dies zur Ausnahme: Plötzlich sollte die Frau zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Doch so geht sehr viel Wissen und Erfahrung verloren.»

Livia Robustelli Saudan (51): «Egal ob 50- oder 100-Prozent-Pensum – man hört genau die gleichen Vorwürfe»

«Mir wurde schon nach der Matura gesagt, dass es verantwortungslos sei, trotz Kinderwunsch Medizin zu studieren. Später erklärte mir ein Schulpflegepräsident, man müsse sich als Frau halt überlegen, ob man Kinder haben wolle, wenn man arbeitet. Und das, obwohl ich es mir leisten konnte, nach der Geburt mehrere Monate Babyurlaub zu nehmen. Ein normaler Mutterschaftsurlaub dauert aber ‹nur› 14 Wochen. Sogar meine eigenen Patientinnen und Patienten schauten mich mit grossen Augen an, als ich zu Beginn zu 50 Prozent wieder arbeiten ging. Trotz des kleinen Pensums: Man hört genau die gleichen Vorwürfe, wie wenn man 80 oder 100 Prozent arbeitet.

Die Frauen dürfen abstimmen, studieren gehen und arbeiten – aber nur bis zur Mutterschaft. Wer danach arbeitstätig ist, handelt «verantwortungslos». Das Gegenteil ist doch der Fall: Wenn meinem Mann etwas passiert oder wir uns scheiden lassen, bin ich unabhängig und kann trotzdem für meine Kinder sorgen. Und ausserdem zahle ich gut Steuern, was für die Gemeinde, den Kanton und Staat mehr zurückbringt, als sie in die familienergänzende Betreuung investieren müssen. Es ist nicht im Interesse der Gesellschaft, dass meine Ausbildung bis zum teuren Studium finanziert wird und ich danach nicht berufstätig bin. Ich finde, dass man aufhören soll, anderen Leuten ihr Familienmodell diktieren zu wollen. Jeder weiss schliesslich am besten, was für die eigene Familie am besten passt.»

A.T. (36): «Dass sich der Papi auch mal ums Kind kümmern könnte, ist unvorstellbar»

«Ich habe zwei Töchter im Alter von 3,5 Jahren und 9 Monaten. Bei der ersten Geburt ging ich nach dem 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten, bei der zweiten Geburt stand ich nach 16 Wochen wieder im Büro. Ich erhielt zahlreiche Reaktionen, viele meinten, es sei doch viel zu früh. Was mich unglaublich verärgert: Die allermeisten Kommentare stammten von anderen Frauen. Ich gehe ja auch nicht zu anderen Müttern und frage sie, wieso sie denn nicht arbeiten. Diese kritische Haltung der Frauen einander gegenüber geht meiner Meinung nach gar nicht. Es braucht endlich einen Kultur- und Wertewandel, der ist – zumindest bei uns in der Deutschschweiz – noch nicht vonstatten gegangen.»

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund der Geschlechtsidentität diskriminiert?

Hier findest du Hilfe:

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

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