Gekenterter Fischer: «Ohne meinen Sohn wäre ich tot»
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Gekenterter Fischer«Ohne meinen Sohn wäre ich tot»

Weil sie mit ihrem Boot gekentert waren, mussten Vater und Sohn sieben Stunden im kalten Wasser des Bodensees ausharren. Der Schock sitzt immer noch tief.

von
nab
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Gert Meichle und sein Sohn Fritz kenterten und trieben danach sieben Stunden im kalten Bodensee.

Gert Meichle und sein Sohn Fritz kenterten und trieben danach sieben Stunden im kalten Bodensee.

Südkurier / Andreas Ambrosius
Als sie bereits nicht mehr damit rechneten, wurden sie vom Schweizer Fischer Reto Leuch gesichtet.

Als sie bereits nicht mehr damit rechneten, wurden sie vom Schweizer Fischer Reto Leuch gesichtet.

Keystone/Ennio Leanza
Dieser alarmierte die Thurgauer Seepolizei. (Bild: Kapo TG)

Dieser alarmierte die Thurgauer Seepolizei. (Bild: Kapo TG)

«Ich dachte, wir würden ertrinken», erinnert sich der 54-jährige Gert Meichle an vorletzten Samstag. Er war mit seinem Sohn Fritz (16) auf Fischfang auf dem Bodensee, als sie plötzlich merkten, dass die Lenzpumpe nicht mehr funktionierte. Innert Minuten habe sich das Boot mit Wasser gefüllt. «Wir versuchten, es mit unseren Händen aus dem Boot zu schöpfen», so Meichle. Vergeblich: Das Fischerboot kenterte.

«Fritz zog Gummistiefel und Jacke aus und konnte sich so glücklicherweise auf das umgedrehte Boot retten», erzählt der Vater. Doch wegen der hohen Wellen sei der 16-Jährige immer wieder ins Wasser zurückgeworfen worden. Meichle selbst sei im Wasser geblieben. «Mit der Zeit war mein ganzer Unterkörper taub», erzählt er. Doch habe er nicht auf das Boot gekonnt: «Sonst wären wir untergegangen.»

Kämpfen für den Sohn

Nach stundenlangem Überlebenskampf sei er körperlich total erschöpft gewesen. «Irgendwann verlor ich das Zeitgefühl.» Immer wieder habe zu Sohn Fritz gesagt: «Wir werden heute nicht sterben.» Er räumt allerdings ein: «Wäre ich ohne meinen Sohn unterwegs gewesen, wäre ich heute wohl tot.» Dieser sei der Grund, warum er weitergekämpft habe. «Ich wollte nicht, dass er ohne seinen Vater aufwachsen muss.»

Irgendwann habe sein Sohn keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als zu versuchen ans Ufer zu schwimmen und Hilfe zu holen. Nach 50 Metern sei er aber wieder umgekehrt, da die Wellen zu hoch waren. «Mit letzter Kraft schwamm Fritz zurück zum Boot.» Je länger sie auf dem Wasser trieben, umso weniger Hoffnung hätten sie noch gehabt. Und sie wussten: «Wenn es dunkel wird, findet uns niemand mehr.»

Albträume und Angstschweiss

Nach sieben Stunden im sieben Grad kalten Wasser hätten sie dann endlich das Boot des Schweizer Fischers Reto Leuch gesichtet. «Wir haben wie wild gewunken und geschrien.» Daraufhin seien sie von Leuch entdeckt worden. Der Schweizer Fischer konnte Fritz ins Boot nehmen, für den Vater forderte er Hilfe an. Meichle: «Wir sind ihm zu grossem Dank verpflichtet.»

Gut eine Woche nach dem Unfall habe er sich noch nicht wirklich erholt. Neben den Kniebeschwerden, und den Blutwerten, die immer noch nicht optimal seien, habe er vor allem seelisch zu kämpfen. In der Nacht leide er an Albträumen und wache regelmässig schweissgebadet auf. «Ich leide an Angstzuständen», sagt Meichle. Sein Sohn hingegen gehe bereits wieder zur Schule und verdränge das Geschehene. «Trotzdem werden wir uns in psychologische Betreuung begeben.»

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