Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: «Ohne mich hätte das Baby nicht überlebt»
Aktualisiert

Schweizerin in Kolumbien«Ohne mich hätte das Baby nicht überlebt»

Die Schweizerin Julia (28) lebt mitten im kolumbianischen Urwald. Als ihre indigene Nachbarin ein Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt bringt, hat es keine Überlebenschancen. Julia nimmt es bei sich auf.

von
Gabriela Graber
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Nino* hatte Glück im Unglück: Die Schweizerin Julia hat das Baby zu sich genommen. 

Nino* hatte Glück im Unglück: Die Schweizerin Julia hat das Baby zu sich genommen. 

Privat
Nino ist das Kind von Julias Nachbarin, die dem indigenen Volk der Kogi angehört. 

Nino ist das Kind von Julias Nachbarin, die dem indigenen Volk der Kogi angehört. 

Privat
Es wurde mit einer Fehlbildung im Gesicht, einer sogenannten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (siehe Box) geboren.

Es wurde mit einer Fehlbildung im Gesicht, einer sogenannten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (siehe Box) geboren.

Privat

Darum gehts 

«Als ich den kleinen Nino* wenige Stunden nach seiner Geburt besuchte, sah ich auf den ersten Blick, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war», erzählt Julia H. Seit über drei Jahren wohnt die gebürtige Gossauerin mit ihren beiden Töchtern völlig abseits der Zivilisation, ohne Strom und Internet, rund drei Autostunden vom kolumbianischen Santa Marta. Sie leben dort mitten unter den Kogi, einer indigenen Gemeinschaft, der auch Ninos Familie angehört. «Der Kleine ist mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt gekommen», so Julia (siehe Box). Diese Fehlbildung ist in der Schweiz heute gut behandelbar. Doch bei den Kogi bedeutet sie Leiden, Ächtung – und manchmal gar den Tod: «Ninos Familie war entsetzt über sein Gesicht, seine Mutter schämte sich sehr und sein Grossvater sprach davon, das Baby lebendig zu begraben», so Julia. «Das kann man operieren, es ist behandelbar», sagte sie ihnen immer wieder.

«Ein Handy hat kaum jemand – geschweige denn Medikamente»

Doch da die Kogi nur sehr eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung haben, hätten viele Kinder mit Behinderungen kaum Überlebenschancen. Die Kindersterblichkeit im Dorf sei sehr hoch, erzählt Julia. Gerade mal zwei Monate vor Ninos Geburt sei sein Bruder gestorben. «Das Volk lebt sehr einfach, in kleinen Hütten mit Lehmwänden, Palmdächern und einer Feuerstelle in der Mitte. Ein Handy hat kaum jemand – geschweige denn Medikamente. Wenn sie krank sind, kommen sie manchmal zu mir, damit ich ihnen helfe.» Gemeinsam mit den Mamos, den Dorfoberen, wurde entschieden, dass das Baby zu Julia kommen sollte. Drei Tage nach der Geburt nahm sie den Säugling bei sich auf.

«Meine zwei und fünf Jahre alten Töchter nahmen Nino an wie einen kleinen Bruder. Die ersten Tage waren schwierig: Nino hatte mehrere Zecken, war schmutzig und unterernährt, da er wegen der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte kaum saugen konnte.» Nach und nach lernte Julia, in welchem Winkel sie ihm den Schoppen geben musste – mittlerweile trinke er gut, sei rundlich und zufrieden. «Zwei Freunde helfen mir, Nino tags und nachts zu versorgen – um ihre Unterstützung bin ich unglaublich froh», so Julia.

«In wenigen Monaten kann Nino operiert werden» 

Wenn sie jemand frage, wer das Baby ist, sage sie klar, dass es nicht ihr Kind sei, und nenne die Namen der Eltern. Die Mutter komme ab und zu bei ihr vorbei, um Nino zu sehen und ihn in den Armen zu halten. Einmal habe sie Julia gefragt, ob sie das Kind denn überhaupt gern hätte, worauf Julia erwidert habe: «Ich liebe es. Es hat zwei Hände, zwei Füsse, zwei Ohren und zwei Beine. Es ist alles okay an dem Kind. Und die Spalte kann man operieren.»

Für die OP habe sie schon einige Abklärungen getroffen. «Wenn alles gut geht, kann Nino in wenigen Monaten operiert werden.» Wie viele nötig sein werden, um die Spalte zu schliessen, sei noch nicht klar. «Die Kosten dafür wird eine Stiftung aus Deutschland übernehmen. Nicht aber die Kosten für die Reise zum Spital, Übernachtungen oder für Kleider, Windeln und seine Babynahrung. Das bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten.» Auf ein drittes Kind sei Julia nicht vorbereitet gewesen.

Julia möchte, dass Nino als Pflegekind in ihrer Obhut bleibt – und dennoch nah seiner leiblichen Familie in einem guten Umfeld aufwachsen kann. «Zurzeit bin ich mit einer Anwältin im Austausch, damit alles Rechtliche unter Dach und Fach gebracht werden kann. Ich wünsche mir, dass Nino eines Tages verstehen kann, dass seine Mutter ihn aus kulturellen und praktischen Gründen nicht behalten konnte – und nicht aus mangelnder Liebe.»

* Name geändert

Willst du Julia helfen oder mit ihr in Kontakt treten? Melde dich bei onelove@20minuten.ch.

Lippen-Kiefer-Gaumenspalte

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Hier findest du Hilfe:

Verzeichnis der Behindertenorganisationen des Bundes

Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, Information und Rechtsberatung

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