Aktualisiert 23.02.2018 07:22

Volksinitiative

«Ohne Pestizide würden die Preise massiv steigen»

Eine Initiative, die synthetische Pflanzenschutzmittel verbieten will, ist fast am Ziel. Die Bauern warnen vor 30 Prozent höheren Preisen.

von
B. Zanni
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Schon 80'000 haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» unterschrieben. Sie fordern ein Verbot von Pestiziden. Auch der Import behandelter Lebensmittel soll verboten werden.

Schon 80'000 haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» unterschrieben. Sie fordern ein Verbot von Pestiziden. Auch der Import behandelter Lebensmittel soll verboten werden.

Patrick Pleul
Gemäss Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, würde die Initiative zu einer Preiserhöhung bei Lebensmitteln von 20 bis 30 Prozent führen. Die Landwirtschaft reduziere den Verbrauch bereits heute.

Gemäss Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, würde die Initiative zu einer Preiserhöhung bei Lebensmitteln von 20 bis 30 Prozent führen. Die Landwirtschaft reduziere den Verbrauch bereits heute.

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Bauern setzen bei ihrer Arbeit immer wieder auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. Etwa 2200 Tonnen werden jährlich auf den Böden verteilt. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können.

Bauern setzen bei ihrer Arbeit immer wieder auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. Etwa 2200 Tonnen werden jährlich auf den Böden verteilt. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können.

Keystone/Alessandro Della Valle

Gross war der Aufschrei der Landwirtschaft gegen die im Januar eingereichte «Initiative für sauberes Trinkwasser». In den Augen der Bauern gilt die Forderung, ihnen beim Einsatz von Pestiziden die Direktzahlungen zu streichen, als zu radikal.

Noch viel mehr unter Druck setzt sie jedoch eine Initiative, die noch einen Schritt weiter geht und synthetische Pflanzenschutzmittel in der Schweiz ganz verbieten will. Darunter fällt auch die Einfuhr von Lebensmitteln, falls diese synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Bereits 80'000 Schweizer haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Gruppe Future 3.0 unterzeichnet.

«Produktion geht um 30 Prozent zurück»

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, prophezeit den Konsumenten im Falle einer pestizidfreien Landwirtschaft eine düstere Zukunft. «Die produzierte Menge an Gemüse, Früchten und Fleisch würde um 30 Prozent zurückgehen», sagt er. Nur Importe könnten die Ernährungslücke stopfen. «Da die Industrie aber nur noch Bioprodukte importieren dürfte, würden die Lebensmittelpreise in der Schweiz um mindestens 20 bis 30 Prozent steigen.»

Ritter zweifelt daran, dass Konsumenten bereit sind, solche Aufpreise zu bezahlen. «Nicht jeder Schweizer will Bioprodukte kaufen. Wer Wert darauf legt, kauft heute schon die teureren Bioprodukte.» Der Konsument solle auch in Zukunft eine gewisse Wahlfreiheit haben. «Nur noch pestizidfreie Produkte auf den Markt zu bringen, wäre eine Bevormundung.»

Laut Ritter sind die Bauern aber etwa im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel bemüht, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Der Aktionsplan will beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln die Risiken halbieren und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz fördern. Derzeit werden pro Jahr etwa 2200 Tonnen Pestizide auf Schweizer Böden versprüht, eine Zahl, die seit Jahren stagniert.

Konsumenten wollten nur das Schönste

Auch Landwirt und SVP-Nationalrat Andreas Aebi hält eine Landwirtschaft ohne Pestizide für utopisch. «Selbst Bioprodukte kommen nicht ganz ohne Pestizide aus», sagt er. Heute gebe es noch keine Möglichkeit, bei Kartoffeln ohne Spritzmittel gegen Krautfäule vorzugehen.

Nicht vergessen dürfe man, dass unbehandelte Produkte zudem weniger schön aussehen. Konsumenten wollten keine Früchte mit Flecken. «Genüsslich beobachte ich auf dem Markt immer wieder, wie Leute alle Äpfel abtasten und sich dann den schönsten herauspicken.» Einzig die Genmanipulation könne den Einsatz von Pestiziden unnötig machen. «Allerdings sind die Folgen dieser Methode nicht absehbar.»

«Schweiz kommt bestens mit weniger aus»

Solche Szenarien stellen die Unterstützer der Initiative in Abrede. «Die Schweiz kommt bestens mit einem geringeren Angebot an Gemüse und Obst aus», sagt Caspar Bijleveld, Biologe und Mitglied des Unterstützungskomitees «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Schliesslich landeten durch die Selektion 20 bis 30 Prozent der Lebensmittel, bevor sie in den Verkauf gingen, im Abfall. «Zudem werden viele Produkte, die in den Läden liegen bleiben, weggeschmissen.»

Damit eine pestizidfreie Landwirtschaft möglich sei, müssten aber auch die Konsumenten ihre Gewohnheiten ändern. «Dazu gehört das Bewusstsein, dass Lebensmittel wertvolle Güter der Natur sind.»

«Gift gegen Probleme ist einfacher»

Naturschutzorganisationen stimmen zu. «Der Bauer müsste sich umstellen. Mit gutem Willen ist eine pestizidfreie Landwirtschaft gut möglich», sagt Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. Dies bedeute, dass sich die Landwirte mehr mit der Natur und der Nützlingsförderung befassen müssten.

Blühstreifen mit Blumen, die explizit Nützlinge fördern, hätten etwa grosse Erfolge erzielt. «Viele Bauern sträuben sich dagegen, weil es einfacher ist, Probleme mit Gift zu bekämpfen.» Laut Liner hindern aber auch «alte Denkgewohnheiten und die veraltete landwirtschaftliche Ausbildung» an einem Umdenken.

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