11.06.2020 16:25

Regenbogenfamilie

«Ohne Samenspende gäbe es Sophie Silia nicht»

Nicole Freiburghaus und ihre Frau Tamara haben eine Regenbogenfamilie. Für die Samenspende mussten sie nach England reisen. Die Entscheidung des Nationalrats freut die beiden, «doch es gibt noch viel zu tun».

von
Julia Ullrich
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Nicole und Tamara Freiburghaus sind ein gleichgeschlechtliches Paar. Im Oktober 2016 kam ihre Tochter Sophie Silia zur Welt.

Nicole und Tamara Freiburghaus sind ein gleichgeschlechtliches Paar. Im Oktober 2016 kam ihre Tochter Sophie Silia zur Welt.

privat
Dass der Nationalrat am Donnerstag Ja zur Ehe für alle inklusive Samenspende für lesbische Paare gesagt hat, freut die beiden. Damit könnte es für lesbische Paare in Zukunft weniger kompliziert werden, als es für Nicole und Tamara war.

Dass der Nationalrat am Donnerstag Ja zur Ehe für alle inklusive Samenspende für lesbische Paare gesagt hat, freut die beiden. Damit könnte es für lesbische Paare in Zukunft weniger kompliziert werden, als es für Nicole und Tamara war.

Sandra Adrizzone/ CH Media 
Als es sich 2015 für ein Kind entschied, blieb dem Paar nichts anderes übrig, als für eine Samenspende nach England zu reisen.

Als es sich 2015 für ein Kind entschied, blieb dem Paar nichts anderes übrig, als für eine Samenspende nach England zu reisen.

Sandra Adrizzone/ CH Media 

Darum gehts

  • Nicole und Tamara sind ein gleichgeschlechtliches Paar.
  • Die beiden wollen seit Jahren eine Familie werden – mit zwei Kindern.
  • Bisher ist in der Schweiz die Samenspende für gleichgeschlechtliche Paare verboten. Daher reiste das Paar 2015 nach England, um eine künstliche Befruchtung vorzunehmen.
  • Im Oktober 2016 kam Tochter Sophie zur Welt. Im Mai 2019 sollte Tochter Emily Elena das Licht der Welt erblicken. Doch sie wurde tot geboren.
  • Wenn es in der Schweiz die Möglichkeit der Samenspende für gleichgeschlechtliche Paare geben wird, würden sie ein weiteres Kind in Betracht ziehen.

«Es ist ungerecht, dass lesbische Paare immer ins Ausland müssen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Vor allem für Familien, die nicht so viel Geld haben, ist das eine riesige Hürde», sagt Tamara Freiburghaus. Die 30-Jährige lernte ihre Frau Nicole (33) vor neun Jahren bei einem Spiel des SCB kennen und lieben. Das Paar liess nichts anbrennen. Schon nach kurzer Zeit zogen sie zusammen. Ihr grösster Wunsch: Eine «richtige» Familie werden – mit Kindern. «Leider ist das in der Schweiz nicht so einfach. Samenspende und künstliche Befruchtung sind hier noch immer nicht erlaubt», sagt Nicole.

Dass der Nationalrat am Donnerstag Ja zur Ehe für alle inklusive Samenspende für lesbische Paare gesagt hat, freut die beiden. Damit könnte es für lesbische Paare in Zukunft weniger kompliziert werden, als es für Nicole und Tamara war: Als es sich 2015 für ein Kind entschied, blieb dem Paar nichts anderes übrig, als für eine Samenspende nach England zu reisen. «Beim Betreten der Klinik waren unsere Gefühle gemischt. Es war alles sehr aufregend und neu für uns, wir spürten Glück und Angst zugleich», so Tamara. Mit einer Kanüle wurde Nicole das Sperma des zuvor ausgewählten Spenders in die Gebärmutter gespritzt. Nun hiess es abwarten.

Zwei Wochen nach dem Klinikbesuch endlich Gewissheit: Das Resultat war da, der Test positiv. Nicoles Schwangerschaft verlief ohne Zwischenfälle. Am 15. Oktober 2016 kam Sophie Silia zur Welt. Wer ihr Vater ist, wissen die beiden Mütter. Wenn Sophie Silia 18 Jahre alt wird und dies wünscht, kann sie ihn kennen lernen.

«Es war ein Schock und ein Rückschlag»

Damit Sophie nicht als Einzelkind aufwächst, entschieden sich die beiden, noch einmal einen Versuch zu wagen. «Wir haben nach dem Kaiserschnitt anderthalb Jahre gewartet und sind dann erneut nach England gereist.» Doch es wollte nicht klappen. Zweimal wurde Nicole nach dem Eingriff nicht schwanger. Beim nächsten Versuch verlor sie den Fötus in der siebten Schwangerschaftswoche.

«Es war ein Schock und ein Rückschlag. Wir haben gesagt, dass das nächste Mal das letzte Mal sein wird», so Nicole. Mitte 2018 begab sie sich mit ihrer Frau erneut in die Klinik in England. Nicole wurde sofort schwanger, und auch die nächsten Monate verliefen gut. Sie habe lediglich mit Morgenübelkeit und Anspannung zu kämpfen gehabt. Der Termin für den Kaiserschnitt wurde auf den 22. Mai 2019 angesetzt.

«Statt sie zu taufen, mussten wir sie beerdigen»

Am 21. Mai ging Nicole für die letzte Untersuchung nach Thun ins Spital. «Man wollte sichergehen, dass für die OP alles vorbereitet ist und alles gut verläuft.» Doch nach der Untersuchung folgte der grosse Schock: Das ungeborene Mädchen hatte keinen Herzschlag mehr. «In dem Moment ist für uns eine Welt zusammengebrochen. In der Nacht zuvor hatte ich sie noch gespürt», sagt die 32-Jährige. Nicole musste ihr Mädchen tot gebären. «Statt Emily Elena zu taufen, mussten wir sie beerdigen. In unseren Herzen wird sie für immer weiterleben!»

Ein langer Weg bis zum Ja

Noch immer haben die beiden Frauen einen grossen Kinderwunsch, doch: «Da die Inseminationen sehr kostspielig sind, liegt der nächste Termin noch in der Ferne. Bisher haben wir rund 25000 Franken in unseren Kinderwunsch investiert. Zurzeit liegt ein weiterer Versuch nicht drin.» Auch eine Kampagne auf Gofundme.com brachte nicht genug für eine erneute Spende zusammen.

Noch ist es ein langer Weg bis dahin: Nach dem Ja des Nationalrates liegt der Ball nun beim Ständerat. Die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) hat bereits angekündigt, gegen den Entscheid das Referendum zu ergreifen. Somit dürfte das Volk das letzte Wort haben.

«Wenn Samenspende für lesbische Paare in der Schweiz tatsächlich erlaubt werden sollte und es nicht teurer ist als in England, würden wir es uns nochmals überlegen. Sofern wir bis dahin nicht zu alt sind», sagt Tamara.

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