Aktualisiert 17.08.2016 10:29

SBB

«Ohne Taktfahrplan fallen wir in Steinzeit zurück»

Die SBB stellen den Taktfahrplan teilweise infrage – dieser sei in Nebenverkehrszeiten zu wenig flexibel. Pro Bahn kritisiert dies scharf.

von
daw

«Wir fahren im Takt», hiess der Slogan der SBB, als 1982 der Taktfahrplan eingeführt wurde. Er brachte in den grossen Bahnhöfen eine Fernverkehrsverbindung zur vollen Stunde in jede Richtung. Seither kann man sich den Fahrplan gut merken.

Das könnte sich ab 2025 ändern: Heidrun Buttler, Fahrplanchefin der SBB, kann sich vorstellen, das Prinzip in den Hauptbahnhöfen aufzuweichen. Der Taktfahrplan sei auf die Hauptverkehrszeiten ausgerichtet, die Kosten fielen aber auch zu den Nebenzeiten an – selbst wenn die Züge nicht voll sind. «Wir müssen schauen, dass wir künftig im Angebot flexibler sind, um kurzfristig auf mehr oder weniger Nachfrage reagieren zu können», sagt Buttler zu den «Freiburger Nachrichten». So müsse man sich überlegen, ob es sich lohne, wie bis anhin einen Zug von Genf bis Zürich durchfahren zu lassen – «unabhängig davon, wie ausgelastet er auf den einzelnen Abschnitten ist».

«Dann steigen viele aufs Auto um»

Die Kundenorganisation Pro Bahn kündigt bereits Widerstand an: «Man kann anfangen, einzelne Züge ausfallen zu lassen. Aber wenn man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass die Züge regelmässig verkehren, werden viele aufs Auto umsteigen», sagt Präsident Kurt Schreiber, denn gerade am späteren Abend sei der Verkehr auf der Strasse nicht mehr so dicht. «Das bestehende Angebot mit Taktfahrplan mit den bestehenden direkten Zugsverbindungen bis Mitternacht muss bestehen bleiben.»

Der Taktfahrplan sei eine Erfolgsgeschichte und über Jahrzehnte gewachsen. «Wird er aufgeweicht, fallen wir in die Steinzeit zurück. Vor jeder Fahrt müsste man ausfindig machen, wann der Zug genau fährt. Das ist extrem mühsam.» Heute könne man in der Beiz sitzen und einfach zur vollen Stunde am Bahnhof sein.

Es laufe darauf hinaus, dass die SBB «ein Huhn, das goldene Eier legt, schlachten wollen, um ein wenig mehr Einsparungen und Effizienz zu erreichen». Nach dem Mobility Pricing, das Pendeln zu Stosszeiten verteuern will, sei dies der nächste kundenfeindliche Vorschlag zur Lösung des Pendlerproblems.

«Gedanke muss erlaubt sein»

«Der Taktfahrplan gehört zur Schweiz wie das Schweizer Kreuz», sagt auch Bahnexperte Hans G. Wägli. Der Fahrplan sei aber immer dichter geworden. «Wir haben heute im Fernverkehr ein Angebot wie bei einem Tram.»

Für Wägli ist der Gedanke erlaubt, zugunsten der Wirtschaftlichkeit am Abend und zu Randzeiten einmal einen Zug auszulassen oder nicht die ganze Strecke zu bedienen. «Schon heute fahren die viertelstündlichen Verdichtungszüge der Zürcher S-Bahn teilweise nicht die ganze Strecke, nachts verkehren Busse statt Züge.» Wägli sagt: «Vielleicht braucht es den Mut, das im Fernverkehr einmal auszuprobieren.» Nicht vorstellbar sei allerdings, dass Abfahrtszeiten der Züge erst kurzfristig bekannt gegeben würden.

«Taktfahrplan bleibt als Konzept bestehen»

Die SBB betonen, dass sie das Prinzip des Taktfahrplans nicht kippen wollen. «Die SBB-Fahrplanchefin Heidrun Buttler hat klar gesagt, dass der Taktfahrplan als Konzept bestehen bleibt. Schon heute sind spätabends weniger Züge unterwegs als zu Hauptverkehrszeiten, das ergibt Sinn», sagt Sprecher Reto Schärli.

Wie viele Verbindungen es in Zukunft gebe, sei letztlich eine politische Frage. Mit den Möglichkeiten der Mobilität der Zukunft wollen die SBB das Reisen einfacher machen. Ziel sei es, noch mehr aus dem System herauszuholen, ohne dass viele, teure Ausbauten der Bahninfrastruktur nötig seien.

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