Dell, HP, Lenovo: «Ohne Zwangsarbeit läuft in Europa nichts»

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Dell, HP, Lenovo«Ohne Zwangsarbeit läuft in Europa nichts»

Laut einer Untersuchung arbeiten chinesische Studenten in Zwangsarbeit für die grössten Server-Firmen der Welt. 20 Minuten sprach mit der Autorin des Berichts.

von
G. Brönnimann

Die meistverkauften Server der Welt – die der Marken Dell, HP und Lenovo – werden fast ausschliesslich in China hergestellt. Bei der Produktion komme es zu Rechtsverletzungen. So würden etwa das chinesische Arbeitsrecht sowie die Konvention und das Übereinkommen für Zwangsarbeit der Internationalen Arbeitsrechts-Organisation ILO der Vereinten Nationen regelmässig gebrochen. Dies steht im 40-seitigen Bericht «Servants of Servers», den das unabhängige dänische Medienzentrum DanWatch in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk GoodElectronics am Montag veröffentlichte.

Laut dem Bericht werden jedes Jahr tausende chinesische Schüler und Studenten gezwungen, jeweils zwischen Juni und Oktober in der Firma Wistron Corporation Zhongshan zu arbeiten – als «Praktikanten». Wer kein Praktikum macht, schafft sein Studium nicht und fliegt von der Schule. Die Studenten müssen laut Bericht sechs Tage pro Woche während 10 bis 12 Stunden arbeiten – mit täglichen Überstunden und regelmässigen Nachtschichten. Sie leben auf engstem Raum in überfüllten Massenschlägen. Ihr Lohn: Rund 235 Franken pro Monat, was kaum für Kost und Logis reicht.

Milliarden für Server allein an europäischen Unis

Die Arbeit für die Produktionsfirma habe nichts mit der Studienrichtung der Studenten zu tun: «Ich studiere Wirtschaftsmanagement, ich sollte in einem Büro ein Praktikum machen. Nun sitze ich am Fliessband und mache die ganze Zeit dieselbe Bewegung», klagt ein junger Mann. «Wir sind alle deprimiert», klagt ein anderer. «Ich werde gezwungen, hier zu sein, sonst könnte ich keinen Abschluss machen. Bitte sagen sie niemandem, dass ich mit Ihnen spreche», sagt eine junge Frau – der Bericht ist voll mit erschütternden Aussagen von Zeugen.

Laut DanWatch landen die Komponenten, die die chinesischen Studenten in Zwangsarbeit herstellen, in Servern, die in Rechenzentren von europäischen Universitäten stehen. «DanWatch hat die Zulieferkette der Server von europäischen Universitäten untersucht, weil Universitäten als öffentliche Beschaffer nach Prinzipi 6 der UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte eine besonders hohe Verantwortung zukommt, die Menschenrechte zu schützen, wenn sie Geschäfte tätigen.» Laut dem Bericht haben die Länder Westeuropas 2015 schon 4,27 Milliarden Euro für IT-Infrastruktur ausgegeben, davon 461,38 Millionen Euro allein für Server.

Die Server stehen überall

Auch an Schweizer Unis und Hochschulen – von Basel, Bern, über Zürich bis St. Gallen – stehen Server der im Bericht erwähnten Marken. Doch nicht nur dort: An den Branchen-Giganten Dell, HP und Lenovo kommt im digitalen Zeitalter kaum jemand vorbei. «Unsere Gesellschaft würde wohl gar nicht funktionieren ohne diese Firmen», sagt Norma J. Martinez, die Autorin der Studie, zu 20 Minuten. Anders ausgedrückt: «Ohne Zwangsarbeit läuft nichts.»

Umso wichtiger ist es laut Experten, so Martinez, dass öffentliche Institutionen auf Missstände aufmerksam gemacht werden: Staatliche Stellen hätten als Grosskunden auch grossen Einfluss auf die Produktionsweisen der Firmen. Es sei DanWatch bewusst, dass das Problem nicht nur auf Universitätsrechner beschränkt sei. «Diese Server stehen überall. Es ging beim Bericht aber darum, den Fokus eng auf ein Ungleichgewicht in der Wertschöpfungskette zu legen: Auf der einen Seite die chinesischen Studenten, die Zwangsarbeit verrichten, auf der anderen Seite die Studenten an Europas Universitäten, die direkt von dieser Zwangsarbeit profitieren.»

Erste Reaktionen von Dell und HP

Zwar streitet die chinesische Wistron Corporation im Bericht sämtliche Vorwürfe ab – die Firma hatte sich schon 2013 von jeglicher Form von Zwangsarbeit losgesagt – doch die DanWatch-Recherche mit der Fülle der Aussagen von betroffenen chinesischen Schülern und Studenten zeigt bereits erste Folgen. HP und Dell sagen, sie verzichteten bis auf weiteres auf Praktikanten in ihren Produktionsprozessen bei Wistron. Zwar geben sie Zwangsarbeit nicht explizit zu, sprechen aber gegenüber dem «Guardian» von «Bedenken» im Zusammenhang mit der Produktion.

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