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Isolierte Grosseltern«Omi hat geschrieben, sie habe Angst zu sterben»

Die Isolation von ihren Angehörigen ist für ältere Personen Horror – schlimmer als eine Ansteckung mit Corona, zeigt eine Umfrage. Drei Enkel erzählen, wie sie mit der schwierigen Situation der Grosseltern umgehen.

von
Anna Meier
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«Omi und Opi sind für mich wie Eltern», sagt Manuel Brigadoi (33).

«Omi und Opi sind für mich wie Eltern», sagt Manuel Brigadoi (33).

zvg
«Meinem Opi bringe ich Einkäufe. Sich nur so kurz zu sehen, ist sehr schwierig für mich», sagt Brigadoi.

«Meinem Opi bringe ich Einkäufe. Sich nur so kurz zu sehen, ist sehr schwierig für mich», sagt Brigadoi.

Vor Corona hat der Basler die zwei oft gesehen. Nun sei seine Grossmutter seit zehn Tagen im Spital, während sein Grossvater allein zu Hause sei.

Vor Corona hat der Basler die zwei oft gesehen. Nun sei seine Grossmutter seit zehn Tagen im Spital, während sein Grossvater allein zu Hause sei.

Die Isolation fürchten sie mehr als den Tod: Dies zeigt eine aktuelle Umfrage der Terzstiftung, an der Heimleitungen und Privatpersonen teilnahmen. «Es gibt sogar Angehörige, die schreiben, dass ihre Lieben im Heim an den Folgen der Isolation gestorben seien», schreibt die Interessensvertreterin für ein aktives Leben im Alter. Doch leiden nicht nur die Heimbewohner selbst unter der Einsamkeit – sondern auch ihre Angehörigen, wie drei Enkelkinder erzählen.

«Omi und Opi sind für mich wie Eltern», sagt Manuel Brigadoi (33). Vor Corona hat der Basler die zwei oft gesehen. Seine Grossmutter sei nun seit zehn Tagen im Spital, während sein Grossvater sich zu Hause isoliere. Ihm bringe er manchmal Einkäufe, aber: «Sich nur so kurz zu sehen, ist sehr schwierig für mich.» Aber wenigstens könne er mit ihm telefonieren. «Mit Omi nicht, weil sie wegen der Hustenanfälle kaum mehr sprechen kann», sagt Brigadoi. Sie kommunizierten deshalb via SMS. «Omi hat auch schon geschrieben, sie habe Angst zu sterben. Das macht mich zutiefst traurig.»

Sorgen um ihre Grossmutter macht sich auch Nana Fahrny (27): «Meine grösste Angst ist, dass sie total vereinsamt», sagt die Detailhandelsfachfrau. Ihre Grossmutter lebt in Deutschland im Pflegeheim, während sie und ihre Familie in der Schweiz leben. Wegen der Besuchsstopps habe sie ihre Omi nun seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. «Alles was uns bleibt, ist zu telefonieren. Aber das ist mit ihrer schweren Demenz sehr schwierig.»

Vermisst ihre Grossmutter: Nana Fahrny (27).

Vermisst ihre Grossmutter: Nana Fahrny (27).

zvg

Isolation macht mehr Angst als Corona

Haben die Heime die Krise während der ersten Pandemiewelle gut gemeistert? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Terzstiftung im Rahmen einer Befragung im Oktober von Fach- und Privatpersonen. Das eindeutige Resultat der Umfrage: Das grösste Problem ist die Isolation der Heimbewohnenden. So habe sich auch eine grosse Mehrzahl der Heimbewohnenden gegen Isolationsmassnahmen ausgesprochen. «Die älteren Menschen sind eher bereit, das Risiko einer Ansteckung in Kauf zu nehmen und daran zu sterben, als in die Isolation gehen zu müssen», schreibt die Stiftung. Die Terzstiftung fordert deshalb, dass nicht einfach über ältere Menschen entschieden werde. «Die soziale Bevormundung, indem mit zunehmendem Älterwerden über und für sie entschieden wird, ist für viele einfach inakzeptabel und diskriminierend.» Insgesamt wurden 107 Heimleitungen und 1020 Privatpersonen befragt, über die Hälfte der privat Teilnehmenden war unter 64 Jahre alt. Drei Viertel der Personen hatten nahestehende Personen in Altersinstitutionen.

«Wird es jemals wieder ein Familienweihnachten mit allen zusammen geben?», fragt sich Milena Dias da Costa. Ihre Grosseltern fehlen dieses Jahr das erste Mal seit 30 Jahren am gemeinsamen Tisch. «Wir lieben unsere Nonnis über alles», sagt die Nail-Designerin. «Ich vermisse ihre Wärme beim Umarmen.» Zurzeit besuche sie ihre Grosseltern nur mit Maske, Abstand und offenem Fenster. «Es ist beklemmend. So ein Besuch tut mir fast mehr weh, als sie gar nicht zu sehen.»

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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