Paket-Flut: Online-Shopping verstopft die Schweizer Strassen
Publiziert

Paket-FlutOnline-Shopping verstopft die Schweizer Strassen

Schweizer tätigen ihre Käufe immer mehr online – und lassen sie direkt zu sich liefern. Dies führt zu Engpässen auf den Strassen.

von
R. Landolt
Schnell und an jedem Ort wollen Kunden heute ihre Päckchen bekommen: Dafür empfiehlt sich der Transport auf Strassen.

Schnell und an jedem Ort wollen Kunden heute ihre Päckchen bekommen: Dafür empfiehlt sich der Transport auf Strassen.

Keystone/Peter Klaunzer

Schuhe, Kleider, Bücher oder elektronische Geräte: Die Schweizer Bevölkerung kauft immer mehr Alltagsgegenstände im Web statt im Laden. Im letzten Jahr hat die Post 20 Prozent mehr Päckli aus dem Ausland ausgeliefert als im Jahr davor. «Neben der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 trägt die steigende Beliebtheit des Onlineshoppings dazu bei», sagt Mediensprecher Oliver Flüeler. Allein zwischen 2009 und 2013 stieg der Umsatz im Onlinehandel aus dem Ausland von 3,5 auf 4,5 Milliarden Franken.

Die Nebenwirkungen des Booms sind auf den Schweizer Strassen direkt spürbar: Die gestiegene Nachfrage nach dem Transport kleiner Güter lasse sich am zunehmenden Strassenverkehr ablesen, schreibt die «Tribune de Genève». Seit 2008 habe sich die Anzahl Staus verdoppelt.

Strasse legt bei Güterverkehr viel stärker zu

Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsforscher an der ZHAW, bestätigt, dass Amazon- und Zalando -Shopping zwangsläufig zu mehr Strassenverkehr führt: «Einzelne kleine Pakete können nur auf der Strasse direkt an viele unterschiedliche Adressaten geliefert werden.» Die Kunden wollten ihre Bestellungen immer schneller erhalten: Zalandos Same-Day-Delivery-System, bei dem man die bestellte Ware noch am selben Tag erhalte, funktioniere nicht mit der Bahn, denn: «Nur einen LKW kann man bedarfsgerecht und kurzfristig losschicken.»

Die Entwicklung läuft dem Verlagerungsziel zuwider, das die Bevölkerung 1994 mit der Annahme der Alpeninitiative in die Verfassung geschrieben hat. Demnach soll der alpenquerende Transitverkehr von der Strasse auf die Schiene verlagert werden. Auch Verkehrsministerin Doris Leuthard wies in der SRF-«Arena» darauf hin, dass das Online-Shopping die Erreichung dieses Ziels erschwert: «Die Internetbestellung kommt nicht auf den Schienen zu Ihnen nach Hause.» Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen denn auch, dass der Güterverkehr zwischen 2000 und 2014 trotz Verlagerungsmassnahmen auf der Strasse (+29 %) viel stärker zulegte als jener auf der Schiene (+8 %).

In-Car-Delivery und Bring-Buddys

Online-Shopping dürfte in den nächsten Jahren noch zunehmen, sagt Sauter-Servaes: Im Vergleich zu Grossbritannien passiere in Kontinentaleuropa beispielsweise noch «sehr wenig beim Lebensmittel-Online-Einkauf; in diesem Bereich werden wir ein starkes Wachstum sehen».

Zulieferer und Online-Shops tüfteln deshalb bereits an neuen Ansätzen, wie die Waren effizienter verteilt werden können. DHL testete beispielsweise ein «Bring-Buddy»-Konzept, bei dem Privatleute in der Nachbarschaft Pakete verteilten. Volvo testete in Schweden das sogenannte «In-Car Delivery», wobei ein Kunde den Kofferraum seines Autos per Handy für den Pöstler freischalten kann. Oliver Flüeler von der Post erwähnt die rund 60 Paketautomaten, die die Post aufgestellt hat, bei denen die Kunden ihre Pakete jederzeit selbst abholen und aufgeben können. Weiter könne man dem Pöstler zu Hause die Pakete bereitstellen oder mitgeben. Seit letztem Jahr teste die Post auch den Versand mit Drohnen.

Die Post beteiligt sich ausserdem an der Idee des Projekts «Cargo Souterrain», mit dem grosse Güterladungen künftig unterirdisch per Förderband zwischen den grossen Schweizer Städten transportiert werden sollen. Sauter-Servaes ist kein Fan der Idee: «Wer Infrastruktur schafft, erntet immer mehr Verkehr.» Er verspricht sich mehr von LKWs mit Elektroantrieb. Nicht nur CO2-Ausstoss und Lärm, auch Staus liessen sich durch intelligente Technologien verringern.

Deine Meinung