Elektronischer Briefkasten: Openleaks – das «bessere» Wikileaks?

Aktualisiert

Elektronischer BriefkastenOpenleaks – das «bessere» Wikileaks?

Die Zukunft von Wikileaks scheint ungewiss. Die Idee aber lebt weiter: Ehemalige Mitarbeiter der Organisation lancieren eine neue Plattform.

von
Peter Blunschi
Ex-Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg steht hinter dem neuen Projekt Openleaks.

Ex-Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg steht hinter dem neuen Projekt Openleaks.

Wie es nach der Verhaftung von Julian Assange mit Wikileaks weitergeht, ist unklar. Der Isländer Kristinn Hrafnsson agiert als neuer Frontmann, doch Insider sprechen von einem «Chaos», weil Assange die Organisation faktisch im Alleingang geführt habe. Ob Wikileaks die Turbulenzen um dem umstrittenen Gründer überleben wird, ist alles andere als sicher. Allerdings ist bereits eine neue Whistleblower-Plattform in den Startlöchern.

Gegründet wurde Openleaks von ehemaligen Wikileaks-Mitarbeitern, die sich im Streit über Assanges selbstherrlichen Führungsstil von der Organisation getrennt hatten. Wikileaks sei «zu sehr auf eine Person fokussiert gewesen, und eine Person ist immer schwächer als eine Organisation», sagte der 32-jährige Deutsche Daniel Domscheit-Berg laut CNN am Sonntag in einer Dokumentation des schwedischen Fernsehsenders SVT. Der ehemalige Wikileaks-Sprecher hat das neue Projekt zusammen mit dem 25-jährigen Isländer Herbert Snorrason lanciert.

Ein elektronischer Briefkasten

In zwei Punkten soll sich Openleaks fundamental von Wikileaks unterscheiden. Anders als Julian Assange, der auf die USA fixiert gewesen sei, verpflichte man sich zu politischer Neutralität, sagte Domscheit-Berg. Ausserdem wolle man nicht selber Dokumente veröffentlichen, sondern als «eine Art elektronischer Briefkasten» fungieren, erklärte Mitstreiter Snorrason in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». In diesen Briefkasten könne «jeder brisante Dokumente werfen und selbst bestimmen, wer die Papiere bekommen soll».

«Wir werden den Plan durchziehen»

Man wolle mit verschiedenen Organisationen zusammenarbeiten, die als Empfänger in Frage kämen, erklärte der Isländer. Das könnten Zeitungen, Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften, aber auch Regierungen sein: «Beamte könnten innerhalb ihrer Behörde Papiere hochladen, um auf Missstände aufmerksam zu machen», so Snorrason. Das Prinzip von Openleaks delegiert die Verantwortung an die Empfänger, sie müssten die Fakten checken und entscheiden, was zur Veröffentlichung bestimmt ist und was nicht.

Die Partner sollen monatlich zwischen 200 und 500 Euro zahlen - je nach Grösse und Finanzkraft. Darüber hinaus setzt Openleaks auf Spenden. Den Finanzbedarf bezifferte Snorrason auf «mehr als 100 000 Euro im ersten Jahr». Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson zeigte sich erfreut über die «Konkurrenz», wie er gegenüber SVT erklärte: «Es ist eine hervorragende Idee, ich wünsche ihnen alles Gute.»

WAZ-Gruppe startet eigenes Portal

Gemäss Medienberichten soll Openleaks bereits am Montag online gehen, in der «Süddeutschen Zeitung» ist die Rede von «dieser Woche». Bereits gestartet hat die deutsche WAZ-Mediengruppe eine anonymisierte Upload-Seite nach dem Vorbild von Wikileaks. Damit hat erstmals ein «klassisches» Medium einen Kanal für anonymen Datenupload eingerichtet, ohne Umweg über Plattformen wie Wikileaks und Openleaks.

Der zuständige Ressortleiter Daniel Schraven betonte gegenüber «meedia.de», der Upload erfolge vollständig verschlüsselt und die Datenverbindungen könnten als abhörsicher gelten. Gleichzeitig äusserte er einen ersten Wunsch: Er möchte Internas erhalten zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg. «Da gibt es Dokumente aus der Polizei und aus dem Innenministerium, die meiner Ansicht nach an die Öffentlichkeit gehören.»

Deine Meinung