«Geist von Assen»?: Operation am offenen Töff-Herzen

Aktualisiert

«Geist von Assen»?Operation am offenen Töff-Herzen

Vor dem GP von Holland auf dem legendären Rundkurs von Assen steht die Schweizer Töff-Welt Kopf und Tom Lüthi hat sich zu seiner technischen «Radikal-Kur» entschlossen. Was ist los?

von
Klaus Zaugg
Assen

Die Schweizer Töffhierarchie, seit 2002 festgefügt wie das Gotthard-Massiv, ist nach Tom Lüthis schwächstem Training in dieser Saison in Assen aus den Fugen geraten: Randy Krummacher (4.) und Dominique Aegerter (5.) stehen in der zweiten Reihe und Tom Lüthi (10.), bisher in allen Trainings bester Schweizer und immer mindestens auf Platz 7, muss aus der vierten Reihe starten.

Assen ist ein legendärer Rundkurs. Oft ist von den «Geistern von Assen» die Rede, die selbst den besten Asphaltcowboys zusetzen. Die Töff-Götter haben in Assen schon oft gewürfelt. Es ist also gut möglich, dass unsere Töffhierarchie nur hier in Assen durcheinander geraten ist und schon in einer Woche beim GP von Deutschland auf dem Sachsenring wieder alles seinen gewohnten Lauf nimmt.

Operation am offenen Töff-Herzen

Aber es gibt auch Zeichen, die auf eine Revolution deuten. Tom Lüthi ist sichtlich verunsichert. Er sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Ich musste für den zehnten Platz hier grössere Risiken eingehen als für die Bestzeit im ersten Rennen in Katar.» Er habe alles versucht, aber es habe einfach nicht funktioniert. Er hat sich schliesslich zu einem radikalen Schritt entschlossen. «Wir werden fürs Rennen die ganze Geometrie umbauen. Das ist zwar riskant. Aber ich weiss, wie es funktioniert.» Das bedeutet stark vereinfacht: Nicht nur Details werden verändert. Sondern die gesamte Schwerpunktverteilung der Maschine. Es ist eine Operation am offenen Töff-Herzen.

Tom Lüthi (25) weiss, warum er so viel riskiert. «Ich will um Podestplätze und Siege und nicht um 10. Plätze fahren.» Jetzt spürt er erstmals den himmelhohen Erwartungsdruck, den er mit den sehr guten Resultaten in den ersten sechs Rennen geweckt hat: Er ist mit sechs Punkten Rückstand auf WM-Leader Marc Marquez ein Titelanwärter. Aber mit einem 10. Platz in Assen kann er die Spitzenpsoition im Gesamtklassement kaum halten.

Paralellen zu 2011

In der 10. ganzen GP-Saison ist der Berner erfahren genug, um viel, aber nicht zu viel zu riskieren. Doch er spürt, dass sich eine ähnliche Entwicklung anbahnt wie vor einem Jahr: Nach einem starken Saisonstart kam im Juni ebenfalls ab dem 6. Rennen die grosse Krise, die ihn um alle Titelhoffnungen brachte (4. WM-Schlussrang). Das soll jetzt nicht passieren.

Zu den Gegnern gehören jetzt auch die beiden Schweizer Randy Krummenacher (21) und Dominique Aegerter (21). Das Potenzial von Krummenacher ist unbestritten und sein 4. Platz (2. Startreihe) so gesehen keine Überraschung. Bisher ist es dem Zürcher nur nicht gelungen, sein Talent regelmässig in Resultate umzumünzen. Weil er zu oft stürzt («Krummenkracher»). Mit sechs Unfällen in Training und Rennen ist er der Bruchpilot der Schweizer – Tom Lüthi hat es erst dreimal erwischt, Dominique Aegerter ist diese Saison noch gar nie gestürzt (20 Minuten Online berichtete). Im Gesamtklassement bleibt Krummenacher 2012 mit dem aktuellen 16. Platz ein Aussenseiter und kein Konkurrent für Tom Lüthi.

Aegerter der gefährliche Herausforderer

Der Mann, der die Position von Tom Lüthi als unbestrittener Schweizer Töffkönig gefährden kann, heisst Dominique Aegerter. Der Berner liegt zwar in der WM-Wertung auch zurück (11.) – aber er entwickelt jetzt nach und nach die Sicherheit, die den Wechsel vom unbekümmerten Talent zum Champion ausmacht.

Auf der gleichen Maschine (Suter) war Dominique Aegerter zum ersten Mal in allen vier Trainings auf Augenhöhe oder sogar schneller als Tom Lüthi. Sein bisher einziger Podestplatz (3. im letzten Rennen 2011) war noch ein Überraschungscoup und entsprach nicht dem tatsächlichen Potenzial. Doch hier in Assen ist Dominique Aegerter erstmals regelmässig wie ein Champion Spitzenzeiten gefahren. Das macht ihn für Tom Lüthi zu einem ganz gefährlichen Herausforderer.

Aegerter ist bereit

Mental ist der Sohn eines pensionierten Garagisten aus Rohrbach bei Langenthal robust genug, um die höheren Erwartungen auszuhalten. Er sagt, der Ausgang des Rennens sei völlig ungewiss: «Ich bin zwar ein guter Starter und aus der zweiten Reihe heraus kann ich den Anschluss an die Spitzengruppe schaffen. Aber ich weiss auch, wie viele sehr schnelle Fahrer hinter mir stehen und ich kann mir in den 24 Rennrunden nicht den kleinsten Fehler erlauben.» Und fügt mit dem Selbstvertrauen, das grosse Fahrer ausmacht an: «Aber ich bin bereit.»

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