Aktualisiert 13.11.2013 21:10

Hightech im OP-SaalOperieren Chirurgen bald mit Google Glass?

Die Genfer Universitätsspitäler wollen verschiedene Datenbrillen im Operationssaal testen. Damit sollen Chirurgen in der Lage sein, in den Körper der Patienten zu sehen.

von
Hannes von Wyl

«Die Möglichkeiten, die beispielsweise Google Glass in der Chirurgie bietet, sind schlicht genial», sagt Christian Lovis, Leiter der Abteilung Medical Information Sciences der Genfer Universitätsspitäler. Mit seinem Team erforscht er die medizinische Nutzbarkeit von sogenannten Datenbrillen, die verschiedenste Informationen im Gesichtsfeld des Trägers anzeigen können.

Blick unter die Schädeldecke

«Zum Einsatz könnte Google Glass überall da kommen, wo Vitalfunktionen von Patienten überwacht werden müssen, also in der Pflege oder während Operationen.» Informationen wie Puls, Blutdruck oder Sauerstoffsättigung könnten direkt vor den Augen eines Pflegers oder Chirurgen angezeigt werden. «So kann sich das Personal freier bewegen und die Werte schneller den einzelnen Patienten zuordnen», erklärt Lovis. Auch in der Rettungssanität sei der Einsatz von Google Glass denkbar. Über die Brille könnten den Rettungssanitätern Informationen über die Patienten und Vitalfunktionen angezeigt sowie Einsätze besser koordiniert werden. «Das würde es ermöglichen, den Patienten nicht aus den Augen zu lassen und gleichzeitig Platz zu sparen.»

Andere Datenbrillen sollen aber noch viel tieferen Einblick in den Gesundheitszustand des Patienten geben. Gewisse Modelle könnten dazu in der Lage sein, aus Gewebe-Scans generierte 3D-Bilder so anzuzeigen, dass sie die entsprechenden Körperteile des Patienten im Gesichtsfeld des Chirurgen überlappten. «So sähe der Chirurg beispielsweise nicht nur den Kopf eines Krebspatienten, sondern gleichzeitig auch ein 3D-Modell seines Gehirns mit der exakten Position des Tumors.»

Hier assistiert der iChirurg

Gefahr der Ablenkung

«Die Bedeutung von solchen Systemen, die mehr als die Realität zeigen, wird in der Medizin weiterhin zunehmen», ist auch Ralph Schmid, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie, überzeugt. Gerade leichte und tragbare Geräte wie Google Glass könnten die Ergonomie verbessern und Kosten sparen, denn bisherige Anzeigesysteme seien gross, teuer und unbeweglich. Dem Einsatz während einer Operation steht Schmid aber skeptisch gegenüber: «Dabei ist höchste Konzentration gefragt. Werden Informationen im Gesichtsfeld von Chirurgen eingeblendet, dürfte dies eher ablenken.» Schmid sieht den Nutzen vor allem in der medizinischen Ausbildung. Ein angehender Chirurg könnte während der Operation angeleitet und in Echtzeit mit visuellen Informationen versehen werden.

«Google Glass ohne Google»

«Die Anforderungen an solche Systeme im medizinischen Kontext sind punkto Auflösung, Zuverlässigkeit und Datensicherheit sehr hoch», sagt Schmid. Besonders beim Datenschutz sei bei der Verwendung von Google Glass Vorsicht geboten, pflichtet Lovis bei. Im Originalzustand übertrage die Brille Ton und Bild an Google-Server in den USA, wo die Daten verarbeitet und schliesslich wieder an das Gerät gesendet würden. «Voraussetzung für den Einsatz solcher Datenbrillen im medizinischen Kontext ist die Datenhoheit der Spitälern. Das bedingt geschlossene Systeme ohne Kommunikation mit Servern ausserhalb der Kliniken», sagt Lovis. «In Zusammenarbeit mit der Universität Pennsilvania ersuchen wir nun Google um die Bereitstellung der Hardware ohne Softwareanbindung, also gewissermassen Google Glass ohne Google.» Sobald Google eine Brille ohne Softwarebindung zur Verfügung stelle, werde seine Abteilung verschiedene Einsatzmöglichkeiten testen.

Dies hat David Feinstein, Anästhesist des Betzh Israel Deavonness Medical Center in Boston in einem anderen Projekt bereits getan, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet (siehe Video). Über eine von Accenture und Royal Philips entwickelten Schnittstelle lässt sich Feinstein über Google Glass Informationen zum Aufenthaltsort eines Patienten oder seinen Vitalfunktionen anzeigen – komplett sprachgesteuert.

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