Ukrainer in Basel appellieren: Kreml soll Gedenkfeier «nicht für Propaganda ausnutzen»
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Ukrainer in Basel appellierenKreml soll Gedenkfeier «nicht für Propaganda ausnutzen»

Der Besuch der russischen Botschaft am Grab der gefallenen Sowjet-Soldaten auf dem Friedhof Hörnli findet dieses Jahr ohne Publikum statt. Der Gedenktag für die Opfer des Zweiten Weltkriegs solle keine Propaganda-Veranstaltung werden, mahnen Ukrainer in Basel.

von
Steve Last
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Trotz russischem Angriffskrieg in der Ukraine soll die Feier auch dieses Jahr stattfinden können.

Trotz russischem Angriffskrieg in der Ukraine soll die Feier auch dieses Jahr stattfinden können.

20min/Vanessa Travasci
Am Grab der sowjetischen Soldaten auf dem Friedhof Hörnli in Riehen BS soll auch dieses Jahr der Opfer des Kampfs gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg gedacht werden.

Am Grab der sowjetischen Soldaten auf dem Friedhof Hörnli in Riehen BS soll auch dieses Jahr der Opfer des Kampfs gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg gedacht werden.

20min/Vanessa Travasci
Warnung der Redaktion: Die folgende Bildstrecke enthält Fotos, die den Betrachter oder die Betrachterin eventuell verstören könnten.

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20 Minuten

Darum gehts

  • Ukrainerinnen und Ukrainer in Basel stellen sich der russischen Gedenkfeier am 9. Mai nicht entgegen.

  • Der Opfer des Zweiten Weltkriegs solle gedacht werden können, solange sie nicht für Propaganda missbraucht werden, heisst es.

  • Doch eben diese Opfer, die heute als Helden gefeiert werden, wären nicht mit offenen Armen in der Sowjetunion empfangen worden.

Seit dem 24. Februar überzieht Russland die Ukraine mit einem Angriffskrieg, Tausende Menschen in Zivil oder in Uniform haben ihr Leben verloren, Millionen sind auf der Flucht. Seit Wochen blickt die Welt angespannt auf den Montag, den 9. Mai. Jedes Jahr feiert Russland an dem Tag den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Den deutschen Streitkräften war vom Oberkommando der Wehrmacht die Einstellung aller aktiven Operationen auf 23.01 Uhr am 8. Mai 1945 zentraleuropäischer Zeit befohlen worden, bereits nach Mitternacht in Moskau. Eben da hin sind nun alle Augen gerichtet, in die russische Hauptstadt. Wird Präsident Wladimir Putin am Siegestag den Krieg gegen die Ukraine beenden oder eskalieren?

Die Anspannung zeigt sich auch in der Schweiz. Auf dem Friedhof Hörnli in Riehen BS, dem grössten des Landes, gedenken Russen am sowjetischen Soldatengrab am 9. Mai den Gefallenen im Kampf gegen die Nazis. Auch dieses Jahr, trotz Krieg in der Ukraine, wird die Feier stattfinden können, wie die Regierung des Kantons Basel-Stadt bekanntgab. In kleinem Rahmen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie es heisst. Ukrainerinnen und Ukrainer in Basel, Menschen deren Land sowohl unter den Nazis als auch den Sowjets gelitten hat, zeigen Verständnis: «Es kommen Tage, in denen auf der ganzen Welt der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedacht wird», heisst es in einer Stellungnahme des Vereins Ukrainer in Basel. Auch die Russen hätten ein Recht darauf. Man müsse aber aufpassen, «dass die Opfer der Vergangenheit nicht als Propaganda der Gegenwart» ausgenutzt werden.

Viele Opfer, viel Propaganda

Zweifelsfrei war der Sieg der Alliierten über Nazideutschland eines der wichtigsten Ereignisse im 20. Jahrhundert. Die Nazis hatten den Zweiten Weltkrieg 1939 entfesselt und 1941 auch die Sowjetunion überfallen. Alleine in Europa verloren 15 bis 20 Millionen Menschen ihr Leben. Sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder sowie Angehörige anderer Minderheiten fielen dem Holocaust, der industriellen und systematischen Vernichtung von Menschen, zum Opfer.

Auch Millionen von Sowjets wurden getötet, zunächst während des deutschen Angriffs auf ihr Land. Dann Soldaten beim Gegenangriff, der 1945 in Berlin endete. Auf dem sowjetischen Soldatengrab in Riehen stehen 21 Namen solcher Getöteten. Doch auch ihr Schicksal dient heute vor allem dem russischen Nationalstolz. Denn hätten sie überlebt, wären sie wohl in sowjetischen Strafbataillonen oder Arbeitslagern gelandet. So schreibt der Basler Stadtführer und -historiker Grabmacherjoggi auf Twitter: «Die Männer waren ohne den Schutz der Genfer Konvention durch die Hölle deutscher Lager gegangen. Zuvor litten sie unter Stalins Politkommissaren und dem NKWD [sowjetisches Innenministerium], die sie gnadenlos gegen den Feind trieben. Hätten sie überlebt, wären sie daheim in den Gulag geschickt worden.»

Was genau mit den Männern passiert wäre, kann man nur vermuten. Sie wären bei einer Rückkehr in die Sowjetunion aber nicht, wie heute, als Helden gefeiert worden. Sowjetische Soldaten, die nicht bis zum Letzten kämpften, wie es der diktatorische Staatschef Josef Stalin angeordnet hatte, standen unter Verdacht der Kollaboration mit dem Feind und des Verrats. Statt einer Siegesparade auf dem Roten Platz wurden sie in sogenannte «Filtercamps» eingewiesen. Über 226’000 Personen landeten gemäss historischen Quellen so im Gulag. 

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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