Strafgericht BS: Sie wollte vor Gericht aussagen, aber ihre Angst vor dem Stalker war zu gross
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Strafgericht BSSie wollte vor Gericht aussagen, aber ihre Angst vor dem Stalker war zu gross

Eine junge Frau wehrte sich mit Anzeigen gegen einen aufdringlichen und gewalttätigen Stalker. Am Dienstag wurde ihm der Prozess gemacht. Der Mann wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Zudem muss er sich in medizinische Behandlung begeben.

von
Jeanne Dutoit
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Am Dienstag wurde ein Stalking-Fall vor dem Basler Strafgericht verhandelt. Ein 29-jähriger Mann hat seine Ex-Freundin über Monate hinweg terrorisiert, ihr nachgestellt und sie geschlagen, so die Anklage.

Am Dienstag wurde ein Stalking-Fall vor dem Basler Strafgericht verhandelt. Ein 29-jähriger Mann hat seine Ex-Freundin über Monate hinweg terrorisiert, ihr nachgestellt und sie geschlagen, so die Anklage.

20 Minuten
Das Opfer erschien nicht zur Verhandlung. Zu gross war ihre Angst, dass die Begegnung bei ihrem Ex-Partner einen Rückfall auslösen würde. (Symbolbild)

Das Opfer erschien nicht zur Verhandlung. Zu gross war ihre Angst, dass die Begegnung bei ihrem Ex-Partner einen Rückfall auslösen würde. (Symbolbild)

20min/Marco Zangger
Die 22-jährige Frau wehrte sich mit mehreren Strafanträgen. Die Polizei sprach auch mehrfach Rayonverbote aus.

Die 22-jährige Frau wehrte sich mit mehreren Strafanträgen. Die Polizei sprach auch mehrfach Rayonverbote aus.

Kapo Basel-Stadt

Darum gehts

Das Opfer erschien am Dienstag nicht zur Gerichtsverhandlung. Zu gross war ihre Angst, was die Begegnung in dem Beschuldigten auslösen würde, liess ihre Anwältin ausrichten. «Obwohl es ihr ein Bedürfnis war, hier zu erzählen, wie sehr sie gelitten hatte», so die Opfervertreterin Anina Hofer.

Das Gefängnis habe ihm gut getan, so der 29-Jährige, der in weissem Hemd und Fussfesseln den drei Richterinnen gegenüber sass. Er habe realisiert, dass die Kontaktversuche mit seiner Ex-Freundin Stalking waren und mit verletzten Gefühlen nicht zu rechtfertigen seien. Der Mann befindet sich derzeit in fürsorgerischer Unterbringung, namentlich im vorzeitigen Strafvollzug.

Er habe die junge Frau 2021 nach der Trennung neun Monate terrorisiert, bekannte er sich schuldig. Immer und immer wieder habe er den Kontakt zu ihr gesucht, sie abgepasst, sei zu ihr in den Bus gestiegen. Strafanzeigen und Rayonverbote hinderten ihn nicht daran, auf ihren Balkon zu steigen und ihr vor ihrer Wohnung aufzulauern. 

Stalking-Opfer lebte in Angst

«Sie musste selbst bei Untätigkeit des Stalkers Angst haben. Sie änderte ihren Arbeitsweg, getraute sich nicht mehr mit offenem Fenster zu schlafen und wurde aus Schutz quasi von ihren Eltern in der Wohnung eingesperrt», führte die Staatsanwältin am Prozesstag aus. 

Der Beschuldigte las im Gerichtssaal einen zweiseitigen, handgeschriebenen Zettel vor, in dem er hart mit sich ins Gericht ging und sich bei seinem Opfer für das Stalking entschuldigte sowie die Richterinnen um eine «allerletzte» Chance bat. Im Brief betitelte er sein Verhalten als «krankhaft», «unmenschlich» und «niveaulos» und führte aus: «Ich war dumm. Ich war blind vor Liebe.» Mittlerweile habe er absolut keine Gefühle mehr für seine damalige Partnerin. Es fühle sich an, als sei er von einer schlimmen Krankheit geheilt worden.

Heute sei er bereit für eine Therapie. Dies bekräftigte sein Anwalt und sprach von einem behördlichen «Versagen», dass sein Mandant trotz ausdrücklichem Wunsch nicht bereits in der Haft die psychologische Hilfe bekommen hatte, die er eigentlich bräuchte. «Wir haben ja alle Interesse daran, dass er nicht rückfällig wird und die Behandlung kriegt, die nötig ist», so der amtliche Verteidiger Gabriel Giess. 

Beschuldigter bestritt Gewalt 

Ein Gutachter konnte keine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren, jedoch leichte Anpassungsstörungen sowie ein schädlicher Gebrauch von Alkohol und Kokain. Eine Suchtproblematik konnte nicht festgestellt werden.

Nicht zu allen Anklagepunkte bekannte sich der 29-Jährige schuldig. Dass er die Frau geschlagen habe, bestritt er vehement. «Unmännlich» wäre das, so der Beschuldigte. Die Verletzungen der 22-Jährigen rechtfertigte er mit Unfällen und Versehen. Einmal habe er die Frau zu beruhigen versucht und sie im Gesicht gepackt, ein andermal hätte er die Scheibe hinter ihr mit der Faust treffen wollen und schlug ihr stattdessen an den Kopf. Die Staatsanwältin hielt die Ausführungen für «völlig unglaubwürdig». 

Der Beschuldigte hätte nicht die «intellektuellen Fähigkeiten» gehabt, die Trennung wegzustecken. Auch fehlte ihm ein geborgenes Umfeld und er war sehr auf sich alleine gestellt. Trotz dessen wiege sein Verschulden schwer. «Er hat ein Klima der Angst erschaffen.»

Erst Therapie, dann Gefängnis

Das Dreiergericht sprach den Mann am Dienstagabend schuldig. Das Gericht sah es als unbestritten, dass er die Frau gestalked und verletzt hatte. Er wurde zu 13 Monaten Gefängnis, unter Anrechnung der bereits abgesessenen Zeit sowie der U-Haft, verurteilt. Der obere Strafrahmen sei mit einer Freiheitsstrafe angemessen, führte die Gerichtspräsidentin aus. «Sie waren ja bereits in Haft und das hat Sie nicht abgeschreckt, immer weiter zu machen», so die Richterin.

Die Gefängnisstrafe wird zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben, ein Bewährungshelfer soll für diesen Zeitraum auferlegt werden. Der 29-Jährige darf sich dem Opfer ausserdem nicht näher als 100 Meter nähern. Das Kontakt- und Annäherungsverbot wurde vom Gericht auf drei Jahre festgelegt. Das Stalking kommt den Mann, der bereits zum Tatzeitpunkt ohne Job war, teuer zu stehen: Nebst einer Genugtuung von 5000 Franken, die er dem Opfer zahlen soll, muss er für die Verfahrenskosten und Urteilsgebühr aufkommen. 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Stalking betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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