Vergewaltigungsfall Elsässerstrasse – Opfer wehrt sich gegen Freispruch des jugendlichen Mitbeschuldigten
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Vergewaltigungsfall ElsässerstrasseOpfer wehrt sich gegen Freispruch des jugendlichen Mitbeschuldigten

Das Basler Jugendgericht hatte im Fall der gemeinschaftlich begangenen Vergewaltigung im Fall Elsässerstrasse Zweifel an der Schuld des 17-jährigen Mitbeschuldigten. Nun überprüft das Appellationsgericht den Entscheid.

von
Lukas Hausendorf
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Der 17-jährige Mitbeschuldigte im Vergewaltigungsfall Elsässerstrasse wurde am Donnerstag vom Basler Jugendgericht freigesprochen. Es hätten unüberwindbare Zweifel an seiner Schuld bestanden, teilte das Gericht mit.

Der 17-jährige Mitbeschuldigte im Vergewaltigungsfall Elsässerstrasse wurde am Donnerstag vom Basler Jugendgericht freigesprochen. Es hätten unüberwindbare Zweifel an seiner Schuld bestanden, teilte das Gericht mit.

Privat
Rund 1000 Personen demonstrierten im August vor dem Basler Appellationsgericht gegen dessen Urteil im Fall der Vergewaltigung Elsässerstrasse.

Rund 1000 Personen demonstrierten im August vor dem Basler Appellationsgericht gegen dessen Urteil im Fall der Vergewaltigung Elsässerstrasse.

Lukas Hausendorf
Der 33-jährige Portugiese soll gemeinsam mit einem damals 17-jährigen Kollegen am 1. Februar 2020 kurz nach sieben Uhr morgens eine Frau im Windfang einer Liegenschaft an der Elsässerstrasse vergewaltigt haben.

Der 33-jährige Portugiese soll gemeinsam mit einem damals 17-jährigen Kollegen am 1. Februar 2020 kurz nach sieben Uhr morgens eine Frau im Windfang einer Liegenschaft an der Elsässerstrasse vergewaltigt haben.

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Darum gehts

  • Im Februar 2020 wurde in Basel eine 33-jährige Frau von zwei Männern vergewaltigt.

  • Während der 33-jährige Täter schuldig gesprochen wurde, wurde der zum Tatzeitpunkt 17-Jährige vom Jugendgericht freigesprochen.

  • Das Verdikt des Jugendgerichts wird nun vom Appellationsgericht neu beurteilt.

Der Vergewaltigungsfall Elsässerstrasse geht in die nächste Runde. Im November hatte das Basler Jugendgericht den zum Tatzeitpunkt 17-jährigen Mitbeschuldigten wegen «unüberwindbarer Zweifel» an seiner Schuld freigesprochen. Staatsanwaltschaft und die Opfervertreterin haben nun Berufung angemeldet, wie die «Basler Zeitung» (Bezahlartikel) berichtet. Der Fall wird nun vor dem Appellationsgericht neu verhandelt, ein Termin steht noch nicht fest.

Der Portugiese hatte am 1. Februar 2020 mit einem 33-jährigen Landsmann eine damals 33-jährige Frau im Windfang ihres Hauseingangs an der Elsässerstrasse vergewaltigt. Sein älterer Komplize wurde wegen gemeinschaftlich begangener Vergewaltigung rechtskräftig verurteilt.

Bundesgericht prüft Strafreduktion

Es ist bereits das zweite Mal, dass sich das Appellationsgericht mit dem Fall befasst. Vergangenen Sommer löste es mit der Strafreduktion für den verurteilten Haupttäter einen Sturm der Entrüstung aus. In der mündlichen Urteilsbegründung hatte es eine reine Mitverantwortung des Opfers an der Tat angedeutet. In der schriftlichen Begründung hatte es dies dann aber entschieden dementiert. Der Verurteilte, ein 33-jähriger Portugiese, ist inzwischen in sein Heimatland zu Frau und Kindern zurückgekehrt. Er hatte Mitte August die Hälfte seiner 36-monatigen teilbedingten Freiheitsstrafe verbüsst und wurde aus der Strafanstalt Bostadel entlassen, noch bevor das Appellationsgericht die Begründung seines Entscheids verfasst hatte.

Auch dieses Urteil wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft vom Bundesgericht überprüft werden. Materiell wird es aber kaum Auswirkungen haben. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle bestätigte das Bundesgericht in der Vergangenheit die Urteile der Vorinstanz. Das Appellationsgericht hatte sich bei der Strafreduktion auch explizit auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung abgestützt.

Zweifel trotz eindeutiger Spuren

Spannender ist hingegen die Neubeurteilung des inzwischen volljährigen Mittäters. Während sowohl das Straf- als auch das Appellationsgericht bei der Beurteilung des erwachsenen Täters keine Zweifel daran hatte, dass die Vergewaltigung gemeinschaftlich begangen wurde, und auch die Zuordnung von Sperma und DNA-Spuren eindeutig war, entschied das Jugendgericht im Falle des 17-Jährigen im Zweifel für den Angeklagten. Weil die Verhandlungen des Jugendgerichts aber nicht öffentlich sind, ist unklar, worauf es diese Zweifel stützt, auch die Parteivertretungen machten dazu auf Nachfrage keine Angaben. Im Verfahren hatte dieser entgegen der Aussagen des Opfers behauptet, die sexuellen Handlungen seien einvernehmlich gewesen.

Sollte das Appellationsgericht nun zu einem anderen Schluss kommen und den jungen Mitbeschuldigten schuldig sprechen, ist unklar, ob und wie er eine allfällige Strafe verbüssen würde. Denn er befindet sich höchstwahrscheinlich auch in seiner Heimat Portugal, dem Jugendgericht sei der aktuelle Aufenthaltsort des Beschuldigten aber «nicht abschliessend bekannt», wie es gegenüber der BaZ ausführte. Aus dem Schneider ist er deshalb aber nicht. Die Schweizer Behörden könnten in Portugal einen Antrag auf Strafvollstreckung stellen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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