Nach Vergewaltigungsprozess - Opferberaterin fordert Richter-Schulungen zu sexueller Gewalt
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Nach VergewaltigungsprozessOpferberaterin fordert Richter-Schulungen zu sexueller Gewalt

Ein Basler Gericht machte ein Vergewaltigungsopfer für den Übergriff mitverantwortlich. Opferberaterin Agota Lavoyer schlägt nun Weiterbildungskurse für Richterinnen und Richter vor.

von
Daniel Krähenbühl
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«Ich hoffe, dass die Urteilsbegründung wenigstens unter Richterinnen und Richtern Diskussionen auslöst», sagt Opferberaterin Agota Lavoyer. 

«Ich hoffe, dass die Urteilsbegründung wenigstens unter Richterinnen und Richtern Diskussionen auslöst», sagt Opferberaterin Agota Lavoyer.

Gia Han Le
Der Täter, ein 33-jährige Portugiese, hat gemeinsam mit einem damals 17-jährigen Kollegen am 1. Februar 2020  eine Frau in einem Hauseingang vergewaltigt.

Der Täter, ein 33-jährige Portugiese, hat gemeinsam mit einem damals 17-jährigen Kollegen am 1. Februar 2020 eine Frau in einem Hauseingang vergewaltigt.

Privat
Die beiden Männer begleiteten die damals 33-jährige Frau nach einer Partynacht nach Hause. Der Täter kannte das Opfer schon seit Jahren.

Die beiden Männer begleiteten die damals 33-jährige Frau nach einer Partynacht nach Hause. Der Täter kannte das Opfer schon seit Jahren.

20M

Agota Lavoyer, Sie sind Expertin für sexualisierte Gewalt und Opferhilfeberaterin. Das Basler Appellationsgericht sorgte bei einem Vergewaltigungsfall für Wirbel: In der Urteilsbegründung wurde das Opfer für die eigene Vergewaltigung mitverantwortlich gemacht. Was halten Sie davon?

Die Urteilsbegründung macht mich absolut sprachlos. Ich bin entsetzt und wütend. Es werden Vergewaltigungsmythen zementiert und damit der Täter entlastet und das Opfer massiv abgewertet.

Worin sehen sie das grösste Problem?

Mit der Urteilsbegründung wird suggeriert, dass Frauen, die sich freizügig geben, die sexuell offen sind und Spass haben, sich nicht wundern sollen, wenn sie vergewaltigt werden. Zudem stellt man sich so auf den Standpunkt, dass das Verhalten der Frau dazu beiträgt, dass der Mann die Kontrolle verliert und gewalttätig wird. Ergo: Ein Mann kann sich nicht kontrollieren, er ist schliesslich triebhaft. Nicht so die Frau, die sich gefälligst kontrollieren soll und sonst selbst Schuld ist, wenn ihr Gewalt angetan wird.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich hoffe, dass die Urteilsbegründung wenigstens unter Richterinnen und Richtern Diskussionen auslöst und sich etwas ändert. Solche Haltungen sind beschämend und haben an einem Gericht nichts verloren.

Was schlagen Sie vor?

Ich wünschte, es wäre obligatorisch, dass auch Richterinnen und Richter über die psychosozialen und gesellschaftspolitischen Aspekte sexualisierter Gewalt, etwa über Psychotraumatologie, geschult werden. Eine Vergewaltigung kann ohne rohe Gewalt ausgeübt werden, nur eine Minute dauern und trotzdem massive lebenslange psychische Folgen für ein Opfer haben.

Als Opferberaterin weiss ich: Für die meisten Opfer einer Vergewaltigung entfällt der grösste Teil des Unrechts auf die Verletzung der sexuellen Integrität. Oder anders gesagt: Am schlimmsten ist die fehlende Zustimmung, also das Übergehen oder Ignorieren der intimsten sensibelsten Grenze, die ein Mensch hat.

Sollte das Urteil weitergezogen werden?

So fest ich hoffe, dass das Opfer das Urteil weiterzieht, so sehr weiss ich, wieviel Kraft das kostet. Kraft, die sie womöglich und verständlicherweise nicht mehr hat. Ich hätte viel Verständnis, wenn sie es nicht weiterziehen mag.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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