Phänomen Intersexualität: «OPs an Zwittern sind kein Problem von gestern»

Aktualisiert

Phänomen Intersexualität«OPs an Zwittern sind kein Problem von gestern»

Babys, die weder als Buben noch als Mädchen zur Welt kommen, werden häufig operiert. Künftig sollen Ärzte mit Genitalkorrekturen warten, bis die Betroffenen selber entscheiden können.

von
Simon Hehli
Die vom Bundesrat beauftragte Ethikkomission will, dass unnötige Operationen an kleinen Hermaphrodithen verboten werden - zur grossen Befriedigung von Daniela Truffer, die schon lange für das Anliegen kämpft.

Die vom Bundesrat beauftragte Ethikkomission will, dass unnötige Operationen an kleinen Hermaphrodithen verboten werden - zur grossen Befriedigung von Daniela Truffer, die schon lange für das Anliegen kämpft.

Der Anblick ist für die meisten betroffenen Eltern ein Schock. Da freuen sie sich auf ein Mädchen oder einen Jungen – und dann lässt sich beim Baby nicht eindeutig erkennen, welches Geschlecht es hat. Pro Jahr kommen in der Schweiz etwa 30 bis 40 Kinder als Intersexuelle auf die Welt. Das bedeutet, dass ihr Genital weder eindeutig ein Penis noch eine Vagina ist – dabei gibt es verschiedene Ausprägungen wie den Mikropenis oder eine penisähnliche Klitoris.

Im Umgang mit solchen Babys tut sich unsere Kultur schwer. Die Behörden verlangen von Eltern, dass sie bei der amtlichen Beurkundung der Geburt das Geschlecht ihres Kindes angeben. Jahrzehntelang war den Ärzten deshalb klar, was zu tun ist: Mit einer Operation wurden die Geschlechtsorgane der Kleinen in eine eindeutige Form gebracht, auch wenn keine gesundheitliche Gefahr drohte – der Einfachheit halber kam dabei in den meisten Fällen ein Mädchen heraus.

Erst, wenn die Kinder entscheiden können

Die Frage, ob das operierte Geschlechtsorgan später funktionsfähig und empfindsam sein würde, stand dabei ebenso wenig im Vordergrund, wie die Frage, was der Eingriff für die Psyche der Betroffenen bedeutet. Mittlerweile findet ein Umdenken statt. Am Freitag stellte die Ethikkommission Humanmedizin im Auftrag des Bundesrates eine Reihe von Empfehlungen vor, um das Los der Intersexuellen zu verbessern.

Im Zentrum steht die Forderung nach Selbstbestimmung. Geschlechtsoperationen im Kleinkind-Alter sollen nur noch dann durchgeführt werden, wenn sie medizinisch notwendig sind – etwa bei erhöhter Krebsgefahr. In allen anderen Fällen sollen die Betroffenen entscheiden, wenn sie in ein urteilsfähiges Alter gekommen sind: Wollen sie überhaupt eine Operation? Wenn ja, möchten sie weibliche oder männliche Genitalien?

Die IV soll auch nach 20 zahlen

Die Medizinethiker schlagen vor, dass Eltern und Kinder von der Geburt an eine kostenlose psychosoziale Beratung erhalten, damit es zu keinen Schnellschuss-Entscheidungen kommt. Zudem sollen Intersexuelle ihr bei der Geburt festgelegtes Geschlecht künftig unbürokratisch ändern können.

Auch will die Kommission die erwachsenen Intersexuellen besserstellen: Die IV soll ihnen auch nach dem 20. Altersjahr noch gewünschte Operationen oder psychologische Therapie bezahlen. Damit die Betroffenen auch in späteren Jahren noch gegen wegen rechtswidriger Eingriffe klagen können, regen die Ethiker an, die Verjährungsfristen zu ändern.

Der Vergleich mit Mädchenbeschneidungen

«Die Vorschläge sind der Hammer!», freut sich Daniela Truffer, die Präsidentin des Vereins Zwischengeschlecht.org. Sie kam als Zwitter – wie sie selbst sagt – zur Welt und wurde zu einem Mädchen operiert. «Ich wünschte mir, ich hätte selber darüber entscheiden können», sagt sie gegenüber 20 Minuten Online. «Einen Teil der Operationen hätte ich sicher nicht gemacht.»

Truffer beharrt darauf, dass weder Ärzte noch Eltern das Recht hätten, über irreversible Eingriffe an Kindern zu entscheiden – und vergleicht die Operationen an Intersexuellen mit den religiös begründeten Mädchenbeschneidungen, die sie ebenso ablehnt.

90 Prozent sind operiert

Auch wenn sich Truffer durch die Arbeit der Ethikkommission zum ersten Mal auch von einer offiziellen Stelle ernst genommen fühlt – zu Ende ist ihr Kampf noch lange nicht. Der Bundesrat schrieb zwar im Juni 2011, Genitaloperationen würden heute nur noch vorgenommen, wenn sie medizinisch zwingend seien.

Doch Truffer mag daran nicht glauben. Sie verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2008 mit Daten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Lübecker Soziologin Martina Jürgensen kommt darin zum Schluss, dass sich eine Mehrheit der intersexuellen Kinder bis zum Alter von drei Jahren mindestens einer Operation unterziehen lassen musste. Bei den heute Erwachsenen sind es sogar 90 Prozent. Deshalb sagt Truffer: «Es ist einfach nicht wahr, dass die Operationen an Zwittern ein Problem von früher sind.»

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