Schutzkonzept an Vorlesungen - «Vorlesungen mit 500 Studierenden sind nicht zu verantworten»
Aktualisiert

Schutzkonzept an Vorlesungen«Vorlesungen mit 500 Studierenden sind nicht zu verantworten»

Ungeimpfte und Ungetestete sollen nicht an der Vorlesung teilnehmen dürfen: Die Forderung des Basler Professors Dominique de Quervain sorgt für Kritik.

von
Gabriela Graber
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Dominique de Quervain, Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Universität Basel, will vorläufig keinen Präsenzunterricht mehr anbieten.

Dominique de Quervain, Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Universität Basel, will vorläufig keinen Präsenzunterricht mehr anbieten.

Universität Basel, Florian Moritz
Zu viele Studierende seien ungeimpft, das Risiko für Infektionen in schlecht durchlüfteten Hörsälen zu gross, sagt de Quervain.

Zu viele Studierende seien ungeimpft, das Risiko für Infektionen in schlecht durchlüfteten Hörsälen zu gross, sagt de Quervain.

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«Optimal wäre eine Impfpflicht, so wie sie an US-amerikanischen Universitäten eingeführt wurde. Doch dies ist in der Schweiz rechtlich nicht möglich», sagt de Quervain.

«Optimal wäre eine Impfpflicht, so wie sie an US-amerikanischen Universitäten eingeführt wurde. Doch dies ist in der Schweiz rechtlich nicht möglich», sagt de Quervain.

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Darum gehts

  • Dominique de Quervain, Professor an der Universität Basel, fordert die Zertifikatspflicht für Hörsäle.

  • Im Idealfall sollte eine Impfpflicht wie an US-amerikanischen Unis eingeführt werden, so de Quervain.

  • Die Universität Basel erachtet regelmässige Testungen für ungeimpfte Studierende als nicht praktikabel.

  • Die Studentische Körperschaft der Universität Basel (skuba) und Alt-SVP-Grossrat Patrick Hafner finden, die bisher vorgesehenen Schutzmassnahmen seien ausreichend.

Dominique de Quervain fordert eine Zertifikatsplicht für Uni-Vorlesungen: Bis auf Weiteres will der Professor für kognitive Neurowissenschaften keine Präsenzvorlesungen halten. «Der Bund erlaubt Vorlesungen mit 500 und mehr Studierenden in schlecht belüfteten Hörsälen, ohne Covid-Zertifikat, ohne Abstandsregel und bloss mit Textilmaske ausgerüstet. Ich bin zum Schluss gekommen, dass dies nicht verantwortbar ist», so der Basler Universitäts-Dozent zu 20 Minuten. Zu viele Studierende seien ungeimpft, das Risiko für Infektionen in schlecht durchlüfteten Hörsälen zu gross, sagt de Quervain weiter. Und mittlerweile liege der Impfschutz gegenüber einer milden Infektion mit Delta nur noch bei 50 - 60 Prozent. «Das Problem ist, dass es selbst bei einer milden Infektionen in etwa 20 Prozent zu Long Covid kommt.»

«Optimal wäre eine Impfpflicht, so wie sie an US-amerikanischen Top-Universitäten eingeführt wurde. Doch dies ist in der Schweiz rechtlich wohl nicht möglich», so de Quervain weiter. Deshalb sei eine Zertifikatspflicht die beste Alternative. Von Professorinnen und Professoren aus der ganzen Schweiz und auch Studierenden habe er Zuspruch erhalten.

Regelmässiges Testen ist nicht praktikabel

Die Universität Basel sei verpflichtet, ihr Angebot allen Studierenden zugänglich zu machen – unabhängig davon, ob sie geimpft seien oder nicht, sagt Matthias Geering, Mediensprecher der entsprechenden Universität Basel. Eine Zertifikatspflicht bedeutete, dass Ungeimpfte sich mehrfach wöchentlich testen müssten, das sei nicht praktikabel.

Jedoch sei es den Dozierenden überlassen, ob sie ihre Vorlesung weiterhin online anbieten möchten. «Die überwiegende Zahl der Professorinnen und Professoren möchte den Studierenden möglichst viel Präsenzunterricht ermöglichen.»

Genügend Massnahmen getroffen

«Grundsätzlich darf er das machen, denn es gibt die Freiheit der Lehre. Wir stehen jedoch dafür ein, dass es im kommenden Semester möglichst viel Präsenzunterricht gibt, wie es von vielen Kommilitoninnen und Kommilitonen gewünscht wird», sagt Valentin Messmer, Vizepräsident der Studentischen Körperschaft der Universität Basel (skuba). Zudem seien Dozierende, Professorinnen und Professoren dazu aufgefordert, sich mit den Studierenden abzusprechen.

«Ich denke auch, dass an der Universität Basel genügend Massnahmen getroffen werden, so dass Präsenzunterricht ohne grosses Gesundheitsrisiko durchgeführt werden kann», so Messmer weiter. Die Studierendenorganisation befürworte die Impfung. «Eine Impfpflicht lehnen wir ganz jedoch klar ab», sagt Messmer.

Junge Menschen am stärksten von Neuinfektionen betroffen

«Aus epidemiologischer Sicht ist so eine Forderung durchwegs sinnvoll - gerade angesichts der steigenden Fallzahlen und Hospitalisationen», sagt Andreas Cerny, Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano. Zudem sei die Altersgruppe der Studierenden - 20 - 29-Jährige - zurzeit am stärksten von Neuinfektionen betroffen und hätte bei einer Infektion oft keine Symptome. «Bei der Delta-Variante ist die Viruslast in den Atemwegen höher, was sie hochansteckend macht. In wenig gelüfteten Räumen, in denen die Abstände nicht eingehalten werden können, kann es deshalb leichter zu Ausbrüchen kommen», so Cerny.

«Das gibt nur eine Pseudosicherheit»

Nicht alle Dozierenden überzeugt der Schritt von de Quervain. So spricht sich auch Patrick Hafner, ehemaliger SVP-Grossrat und Berufsfachschullehrer an der Technischen Fachschule Bern, gegen eine Zertifikatspflicht aus: «Das gibt nur eine Pseudosicherheit und ist nicht praktikabel». Das Zertifikat bringt laut Hafner wenig, da damit nicht ausgeschlossen werden könne, dass jemand das Virus übertrage oder sich anstecken könne. Die Institutionen seien schon jetzt sicher genug.

Das Bundesgesetz sehe die Verwendung des Zertifikats an Universitäten, Hochschulen und Berufsschulen nicht vor, sagt Gregoire Goginat, Mediensprecher beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage. Grundsätzlich könnten die Kantone aber zusätzliche Massnahmen vorsehen. «Diese Massnahmen müssen im Einklang mit der Rechtsordnung stehen; die umfassende Verwendung des Zertifikats muss epidemiologisch gerechtfertigt und verhältnismässig sein und die Grundrechte der betroffenen Personen wahren», sagt Goginat weiter. Das BAG erwäge derzeit nicht, spezifische Regelungen nur für geimpfte, geheilte und getestete Personen vorzusehen.

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