24.07.2020 18:47

Corona in Jugendlager

«Organisatoren sollten sich überlegen, ob solche Lager angebracht sind»

In einem Musiklager in Parpan GR der Jugendorganisation Adonia brach das Coronavirus aus. Die Cevi Schweiz und die Pfadi verschärfen ihre Schutzmassnahmen deswegen nicht. Politiker mahnen zu Vorsicht.

von
Jil Rietmann

Darum gehts

  • Nach einem Jugendlager von Adonia kam es zu mehreren Corona-Fällen.
  • Mittlerweile können Dutzende Neuinfektionen im Kanton Graubünden mit dem Lager in Zusammenhang gebracht werden.
  • Andere Organisationen wie die Pfadi oder die Cevi verzichten auf eine Verschärfung der Schutzmassnahmen.
  • Die Schutzmassnahmen seien sehr vertieft.
  • Politiker appellieren an den Verstand der Organisatoren.

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In diesem Haus namens Grischalodge fand letzte Woche in Parpan ein Musiklager der Jugendorganisation Adonia statt.

In diesem Haus namens Grischalodge fand letzte Woche in Parpan ein Musiklager der Jugendorganisation Adonia statt.

20 Minuten
Laut dem kantonalen Gesundheitsamt hat sich das Coronavirus im Lager ausgebreitet.

Laut dem kantonalen Gesundheitsamt hat sich das Coronavirus im Lager ausgebreitet.

KEYSTONE
Sieben Personen infizierten sich bis am Donnerstagmittag mit dem Virus. Am Freitag wurden weitere 21 Fälle im Kanton gemeldet – grösstenteils mit einem Zusammenhang zum Lager.

Sieben Personen infizierten sich bis am Donnerstagmittag mit dem Virus. Am Freitag wurden weitere 21 Fälle im Kanton gemeldet – grösstenteils mit einem Zusammenhang zum Lager.

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In einem Musiklager der christlichen Jugendorganisation Adonia in Parpan GR ist das Coronavirus ausgebrochen. Rund 100 Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren verbrachten die letzte Woche mit Betreuungspersonen im Lager in Parpan GR. Die Kinder gaben auch zwei Konzerte in Obersaxen und Davos. Dort waren Hunderte Zuschauer vor Ort. Zunächst meldete der Kanton sieben Corona-Fälle im Zusammenhang mit dem Lager. Am Freitag folgten 21 neue Infektionen in Graubünden, von denen die Mehrheit auch in Verbindung mit dem Lager der Kinder gebracht wird. Die Hälfte der Fälle seien Kinder sowie Jugendliche. 34 Personen befanden sich in Isolation und 235 Personen seien in Quarantäne, meldet das Gesundheitsamt.

Adonia versichert, dass man sowohl für das Lager als auch für die Konzerte ein Schutzkonzept erarbeitet hat und sich daran gehalten habe. Patric Neeser, Mediensprecher von Adonia, sagte am Donnerstag: «Wir bedauern sehr, dass das Coronavirus unserem Camp nicht ferngeblieben ist, und setzen nun alles daran, die Ausbreitung des Virus mit den zuständigen Behörden einzudämmen.» Man habe sich entschieden, die Camps und die Konzerte durchzuführen. Dabei bleibe es auch.

Kritik der Gemeindepräsidentin

Die Gemeinde Churwalden, zu der Parpan gehört, hat erst am Donnerstag durch 20 Minuten von den positiven Tests erfahren. Die Gemeindepräsidentin zeigte sich erstaunt und verärgert, dass sie von den kantonalen Behörden nicht informiert wurden. Rudolf Leuthold, der Leiter des Gesundheitsamts des Kantons Graubünden, zeigt dafür Verständnis. Für den Kanton habe es aber keine Bedeutung, wo das Lager gewesen sei. Entscheidend sei, wo die betroffenen Kinder und Betreuer wohnen.

Cevi Schweiz ergreift keine neuen Schutzmassnahmen

So sieht es auch die Cevi Schweiz. Geschäftsführer Peter Munderich sagt: «Die Cevi sowie die Pfadi und Jubla haben zusammen ein sehr vertieftes Schutzkonzept, das sich nur in Kleinigkeiten unterscheidet.» Er habe keine Kenntnis von positiven Fällen innerhalb der Cevi, was aussage, dass das Schutzkonzept funktioniere. Deshalb gebe es unmittelbar auch keine neuen Schutzmassnahmen, die ergriffen werden müssen. «Sobald es neue Erkenntnisse gibt, wie es genau zu den Ansteckungen im Musiklager von Adonia kam, schauen wir, ob auch wir weitere Massnahmen ergreifen müssen», so Munderich.

Besorgte Eltern oder Kinder hätten bisher noch nicht angerufen. «Es gab Eltern, die im Vorhinein wissen wollten, wie unsere Schutzkonzepte aussehen, die haben wir natürlich zur Verfügung gestellt», so Munderich weiter. Verdachtsfälle gab es aber trotzdem. Ungefähr zwei Dutzend Cevi-Kinder wurden auf Corona getestet. «Wenn ein Kind hustet, wird es von dem zuständigen Leiter zum Arzt gebracht. So sieht es unser Sicherheitskonzept vor», erklärt Munderich.

«Muss nicht gleich alle Kinderlager verbieten»

Barbara Gysi, St. Galler SP-Nationalrätin, ist der Meinung, dass es wichtig ist, die Schutzmassnahmen in den Lagern gut zu beachten. Ausserdem komme es immer darauf an, wie die Kinder im Lager untergebracht seien. In einem Musiklager, wo die Kinder singen und Instrumente spielen, gebe es natürlich Aspekte, die man besonders gut beachten müsse. «Dass man wegen dieses Lagers in Parpan gleich alle Kinderlager verbieten muss, denke ich nicht. Die Organisatoren sollten sich jeweils aber gut überlegen, ob solch grosse Veranstaltungen mit 100 Kindern wirklich angebracht sind.»

Der St. Galler SVP-Nationalrat Mike Egger sieht es lockerer. Er findet, dass man solche Fälle nicht pauschalisieren kann. Schulen, wo mehrere Kinder aufeinandersitzen, hätten schliesslich auch wieder geöffnet. «Man muss die Entwicklung der Fälle abwarten und vor allem anschauen, was in diesem Lager falsch gelaufen ist», so Egger. Wenn man alle Massnahmen des Bundesamts für Gesundheit weiterhin umsetze, komme es gut raus, denkt er. Viel mehr Sorgen als Jugendlager mache ihm die kommende Situation nach den Ferien, wenn die Leute aus dem Ausland eingereist kämen.

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105 Kommentare
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Eidechsli

25.07.2020, 13:18

Was gibt es da noch zu überlegen? In Zeiten wie diesen und wenn es jedenfalls darum gehen sollte Ansteckungen zu vermeinden, sind Lager und ähnliche Veranstaltungen klar nicht sinnvoll, auch wenn's erlaubt ist. Verstand einschalten!

Peter.

25.07.2020, 12:12

Schief gelaufen ist eigentlich nur, dass Teilnehmer noch in weitere Lager gingen. Schief ist also, dass man mehrere Risikoveranstaltungen in kurzem Abstand besuchen darf (gilt für Nachtclubs, Lager, Restaurantbesuche und weiteres). Es gibt nicht mal eine Empfehlung dagegen.

Entwarnung

25.07.2020, 09:19

Rudolf Leuthold, Chef des Gesundheitsamtes Graubünden: es besteht für die Bevölkerung und für die Gäste der Gemeinde Churwalden auf Grund dieses Vorfalles keine Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Der betroffene Beherbergungsbetrieb verfügt über ein einwandfreies Schutzkonzept.