Ukraine-Krieg – «Organisierte Kriminalität und Terrorismus könnten zunehmen»
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Ukraine-Krieg«Organisierte Kriminalität und Terrorismus könnten zunehmen»

Aus der halben Welt reisen Söldner in die Ukraine, um gegen die russischen Streitkräfte zu kämpfen. Experten befürchten, dass das in Terrorismus und unkontrollierte Gewalt ausartet.

von
Daniel Krähenbühl
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Tausende freiwillige Kämpfer sind auf dem Weg in die Ukraine, um gegen die russischen Streitkräfte zu kämpfen. So etwa auch Mitglieder der «Georgian Legion».

Tausende freiwillige Kämpfer sind auf dem Weg in die Ukraine, um gegen die russischen Streitkräfte zu kämpfen. So etwa auch Mitglieder der «Georgian Legion».

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«Jeder, der sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anschliessen will, kann kommen und Seite an Seite mit den Ukrainern gegen die russischen Kriegsverbrecher kämpfen», sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski.

«Jeder, der sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anschliessen will, kann kommen und Seite an Seite mit den Ukrainern gegen die russischen Kriegsverbrecher kämpfen», sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski.

AFP
Doch mit dem Influx ausländischer Kämpfer wird die militärische Situation in der Ukraine immer unübersichtlicher. Zudem steige so die Gefahr, dass der Konflikt auf andere Staaten überschwappen könnte, so Cécile Druey, Osteuropa-Historikerin an der Universität Bern.

Doch mit dem Influx ausländischer Kämpfer wird die militärische Situation in der Ukraine immer unübersichtlicher. Zudem steige so die Gefahr, dass der Konflikt auf andere Staaten überschwappen könnte, so Cécile Druey, Osteuropa-Historikerin an der Universität Bern.

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Darum gehts

  • Zahlreiche freiwillige Kämpfer befinden sich auf dem Weg in die Ukraine oder stehen dort bereits im Einsatz.

  • Es kämpfen Tschetschenen, US-Amerikaner, Tschechen, private Militärs für und gegen die Ukraine.

  • Das Risiko, dass der Konflikt eskalieren oder in andere und auch ungeahnte Regionen und Themen überspringen könnte, sei gross, sagt Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA).

Ausländische Kämpfer zieht es derzeit in Scharen in die Ukraine: Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski sind bereits 16’000 Freiwillige auf dem Weg ins Land, um sich am Kampf gegen die russischen Streitkräfte zu beteiligen. «Jeder, der sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anschliessen will, kann kommen und Seite an Seite mit den Ukrainern gegen die russischen Kriegsverbrecher kämpfen», sagte Selenski. Wie Recherchen von 20 Minuten zeigten, wollen auch Freiwillige aus der Schweiz für die Ukraine in den Krieg ziehen.

Doch mit dem Influx ausländischer Kämpfer wird die militärische Situation in der Ukraine immer unübersichtlicher: So haben sich nicht nur US-Amerikaner, Kanadier, Engländer oder Iren für die «internationale Legion» der Ukraine angemeldet. Auch aus den ehemaligen Ostblock-Staaten – etwa Polen, der Slowakei oder Tschechien – strömen Hunderte Personen ins Kriegsgebiet. Zudem kämpfen Paramilitärs aus verschiedensten Staaten sowohl mit als auch gegen die ukrainischen Streitkräfte (siehe Box).

Ausländische Armeen, Milizen und Paramilitärs

Verschiedene private Milizen befinden sich derzeit in der Ukraine: So teilen etwa Mitglieder der US-amerikanischen Gruppe «Forward Observations Group» täglich Bilder von Kriegshandlungen auf Social Media. Auch die «Georgische Nationale Legion», die seit 2014, dem Start des Kriegs in der Ukraine, in Kampfhandlungen verwickelt ist, wirbt online um ausländische Kämpfer.

Verschiedene westliche Staaten befürworten die Rekrutierungsversuche: So sprach die britische Aussenministerin Liz Truss in einer BBC-Sendung kampfwilligen Briten ganz offenherzig ihre Unterstützung aus. Und auch Tschechien hat reagiert: So wäre es tschechischen Staatsbürgern zwar untersagt, in einer ausländischen Armee zu dienen. Der tschechische Ministerpräsident Petr Fiala hat am Donnerstag jedoch mitgeteilt, dass sich Freiwillige straflos den ukrainischen Streitkräften anschliessen dürfen.

Auch pro-ukrainische tschetschenische Paramilitärs sind in der Ukraine aktiv. Wie Kacper Rekawek, Sicherheitsforscher am Center for Research on Extremism in Oslo, aufführt, kämpft gar eine kleine Gruppe von russischen Rechtsextremen gegen die russischen Streitkräfte.

Aufseiten Russlands kämpfen neben prorussischen Separatisten auch die tschetschenische Armee des Diktators Ramzan Kadyrov. Im Einsatz steht auch die «Gruppe Wagner» – ein von einem Hitler-Verehrer gegründetes privates Militärunternehmen, wie das journalistische Netzwerk Belltower.News schreibt. Truppen des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko sollen ebenfalls bereitstehen, um am Invasionskrieg gegen die Ukraine teilzunehmen.

Der Krieg in der Ukraine setze rein wegen seines Ausmasses und der internationalen Beteiligung enorme Kräfte frei, sagt Cécile Druey, Osteuropa-Historikerin an der Universität Bern. «Diese werden zu einer längerfristigen Destabilisierung der ganzen Region führen – auch in Russland selbst», sagt Druey. «Ich als Kaukasus-Spezialistin habe Angst, dass uns zum Beispiel auch dort, ganz im Süden der ehemaligen Sowjetunion, noch einiges erwarten wird.»

Der Krieg in der Ukraine zeige auf, wie die gesellschaftlichen, militärischen und weltpolitischen Ebenen nicht mehr zu trennen seien, sagt auch Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA). Der Aufruf des ukrainischen Präsidenten könne dabei durchaus auch problematisch gesehen werden. «Das Risiko, dass der Konflikt eskalieren oder in andere und auch ungeahnte Regionen und Themen überspringen könnte, ist gross», sagt Reginold. «Mir macht Sorge, dass etwa die organisierte Kriminalität, Terrorismus und Hooliganismus Aufwind erhalten und im Schatten des Krieges parallele Realitäten schaffen.»

«Wem legen diese freiwilligen Kämpfer Rechenschaft ab?»

Problematisch sei auch, dass gewisse westliche Staaten die Ausreise freiwilliger Kämpfer in die Ukraine indirekt oder direkt legitimierten, sagt Reginold. Der Westen schaffe hier einen Präzedenzfall, weil dadurch auch die Sicht der Öffentlichkeit auf diese Kämpfer beeinflusst werde. «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es bald auch Crowdfunding-Aktionen gibt, die solche ‹Konflikttouristen› unterstützen – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit.» 

Hinzu komme, dass sich im Zusammenhang mit dem Kriegsvölkerrecht zahlreiche Fragen stellten. «Wer kontrolliert diese freiwilligen Kämpfer, wem unterstehen sie und wem legen sie Rechenschaft ab?» Was nach dem Krieg mit diesen Kämpfern passiere, sei derzeit unklar. «Ob sie in der Ukraine bleiben oder in ihre Heimatländer zurückkehren – und in welchem mentalen und physischen Zustand sie sich dann befinden – wird derzeit noch ausgeblendet», sagt Reginold. «Dass sich der Westen nicht vehement gegen diese Art des Söldnertums stellt, ist fraglich und wird Konsequenzen haben.»

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