09.03.2020 10:46

Schwinger outet sich«Orlik hatte bei Coming-out Phasen voller Zweifel»

Der Schwinger Curdin Orlik hat mit seinem Coming-out viel Aufsehen erregt. Laut der Schwulenorganisation Pink Cross braucht es mutige Vorbilder wie ihn.

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Der Top-Schwinger Curdin Orlik (27) hat sich als schwul geoutet und damit viel Aufsehen erregt.

Der Top-Schwinger Curdin Orlik (27) hat sich als schwul geoutet und damit viel Aufsehen erregt.

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Für Orlik ist das Coming-out ein Weg in seine persönliche Freiheit: «Viel zu lange habe ich verdrängt, wer ich wirklich bin», sagt Orlik gegenüber dem «Magazin».

Für Orlik ist das Coming-out ein Weg in seine persönliche Freiheit: «Viel zu lange habe ich verdrängt, wer ich wirklich bin», sagt Orlik gegenüber dem «Magazin».

Keystone/Ennio Leanza
Der Journalist Christof Gertsch konnte Curdin Orlik über drei Monate hinweg viele Male treffen und erzählt jetzt seine Geschichte. «Orliks Angst vor den Reaktionen war bis am Schluss da», so Gertsch.

Der Journalist Christof Gertsch konnte Curdin Orlik über drei Monate hinweg viele Male treffen und erzählt jetzt seine Geschichte. «Orliks Angst vor den Reaktionen war bis am Schluss da», so Gertsch.

Fabian Steiner

Der Schwinger Curdin Orlik (27) hat sich als erster männlicher Spitzensportler in der Schweiz öffentlich als homosexuell geoutet. Für Orlik ist das Coming-out ein Weg in seine persönliche Freiheit: «Viel zu lange habe ich verdrängt, wer ich wirklich bin», sagt Orlik gegenüber dem «Magazin». Er habe schon immer gewusst, dass er schwul sei. Dennoch habe er sich all die Jahre versteckt, über Schwulenwitze gelacht und absichtlich Frauen hinterhergeschaut, wenn er mit seinen Kollegen unterwegs gewesen sei. Für dieses Versteckspiel habe er sich geschämt, aber nicht gewusst, wie er es beenden solle.

Möglich gemacht hat das Coming-out, das nun gefeiert wird, der Sportpsychologe Jörg Wetzel. Orlik hatte den Schritt minutiös geplant und dafür eigens eine Kommunikationsagentur angeheuert. Dabei gab es in seinem Umfeld zuerst die Idee, seine Homosexualität einfach mal beiläufig in einem Interview zu erwähnen. Schlussendlich hat sich der 27-Jährige dagegen entschieden und den «Magazin»-Journalisten Christof Gertsch kontaktiert: «In der Welt, aus der ich komme, wird Schwulsein eben nicht als das Normalste der Welt betrachtet.»

«Es gab schwierige Phasen»

Christof Gertsch konnte Curdin Orlik dadurch über drei Monate hinweg viele Male treffen und erzählt jetzt seine Geschichte. «Er hat sich ein öffentliches Coming-out gut überlegt und war bereit dazu, als wir das erste Mal zusammensassen. Schon vorher hat er sich seinen Arbeitskollegen und engsten Schwingerkollegen anvertraut», so Gertsch zu 20 Minuten. Orliks Sportpsychologe Jörg Wetzel und seine Kommunikationsberaterin hätten ihn gut vorbereitet.

Laut Gertsch stand für Orlik nie zur Debatte, das geplante öffentliche Coming-out abzubrechen. «Trotzdem gab es immer wieder sehr schwierige Phasen, in denen er extreme Zweifel hatte. Er hat dann schlecht geschlafen und konnte sich nicht aufs Training konzentrieren». Seine Nervosität sei kurz vor der Veröffentlichung des Artikels am grössten gewesen: «Die Angst vor den Reaktionen war bis am Schluss da.» Jetzt sei Orlik extrem erleichtert und überwältigt von den durchwegs positiven Rückmeldungen. Auch Gertsch selber ist erfreut: «Wir haben beide nicht gedacht, dass der Text so einschlägt. Ich habe noch nie annähernd so viele Reaktionen bekommen.»

«Unterstützung ist zentral»

Ehemalige Schwingerkönige äussern sich positiv. Matthias Glarner appelliert an die Toleranz: «Die Schwingerfamilie kann nun beweisen, dass sie effektiv so tolerant ist, wie es immer heisst. Sollten Anfeindungen kommen, wäre das ein Rückfall in die Steinzeit.» Auch die Schwulenorganisation Pink Cross ist erfreut über Orliks Coming-out: «Solange wir in der Gesellschaft nicht vollends akzeptiert sind, braucht es mutige Vorbilder, die sagen: Hey, wir sind überall, man kann auch schwingen und schwul sein», sagt Geschäftsleiter Roman Heggli. Besonders für junge Leute sei ein solches Coming-out ein wichtiges Zeichen.

Heggli ist froh über die positive Resonanz: «Die Unterstützung der Mitmenschen ist zentral, da die Sexualität ein wichtiger Teil unserer Identität ist. Ich wünsche mir, dass sich die Leute für unsere Geschichten interessieren und zu verstehen versuchen, welche Erfahrungen wir machen.» Vor dem Coming-out hätten viele das Gefühl gehabt, ein Geheimnis mit sich herumzutragen. «Das führt zu Stress und Angst, dass es jemand herausfindet. Deshalb gibt man sich extra männlich.»

Tipps fürs Coming-out

Laut Heggli ist die Selbstakzeptanz der erste Schritt zu einem Coming-out: «Wenn man seine Sexualität akzeptiert hat, dann kann man es auch seinen Mitmenschen sagen.» Man solle es zuerst denjenigen Menschen sagen, deren Unterstützung einem gewiss ist. Auch helfe es, mit Leuten zu sprechen, die schon ein Coming-out hinter sich haben und ihre Erfahrungen teilen können.

Das Beispiel Orlik zeigt, wie schwer Betroffenen ein befreiendes Coming-out fallen kann. Tipps gibt die Beratungsplattform Feel-ok.ch. Es sei wichtig, dass man vor dem Coming-out seine Gefühle bereits so weit akzeptiert habe, dass man negative Reaktionen ertragen könne. Es könne sein, dass Freunde des gleichen Geschlechts nach dem Coming-out irritiert reagierten, da sie sich fragten, ob du dich sexuell zu ihnen hingezogen fühlen könntest. Deswegen sei es wichtig, Missverständnisse schon zu Beginn aus dem Weg zu räumen. Bei den Eltern sei es ratsam, einen Moment der Ruhe und Entspannung für das Coming-out zu wählen.

Homosexuell und jetzt?

Unterstützung für ein Coming-out bekommt man bei der Schwulenorganisation Pink Cross, der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), oder der LGBT+ Helpline. Jugendliche können sich auch an die Beratungsplattform Du-bist-Du und die Organisation Milchjugend wenden.

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