Aktualisiert 05.06.2014 08:01

Experten warnen

Ostschweizer Kinder sind miese Schwimmer

Fachleuten fällt auf: Die Schwimmkompetenzen bei Kindern in der Ostschweiz sinken. Vorbildlich ist der Kanton Zürich.

von
Jeremias Büchel
Schwimmlehrer mit Schulklasse.

Schwimmlehrer mit Schulklasse.

Wenn Schwimmlehrerin Jrene Mancino aus Oberbüren Schulkinder schwimmen sieht, kann sie manchmal kaum hinsehen: Nur mit Mühe und Not halten sich die Sprösslinge über Wasser. Doch nicht nur das – was ihr speziell auffällt, ist ein kantonaler Wassergraben: «Da gibt es frappante Unterschiede zwischen den Kantonen St. Gallen und Zürich», sagt Mancino, die in beiden Kantonen unterrichtet. Sie ist überzeugt: «Zürcher Kinder schwimmen viel besser als Ostschweizer.»

Das liege daran, dass im Kanton Zürich viel mehr Wert auf einen guten Schwimmunterricht gelegt werde und bessere Infrastrukturen zur Verfügung stehen würden. Daran glaubt auch Jaqueline Perret, Dozentin für Sport an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG): «In Zürich begleitet fast überall ein zertifizierter Schwimmlehrer den Unterricht. Auch stehen den Zürchern Schulen viel mehr Hallen- und Freibäder zur Verfügung als im Kanton St. Gallen», so Perret, Mitautorin einer Studie, die den Sportunterricht der St. Galler Volksschulen untersucht hat.

Hallenbadmangel verschärft Situation

In dieser Studie kommt klar heraus, dass der Schwimmunterricht das Sorgenkind an St. Galler Schulen ist. In Zahlen: Auf Kindergarten- und Primarstufe findet nur in zwei Drittel der Schulen regelmässig Schwimmunterricht statt. Noch prekärer ist es in der Sekundarstufe, wo nur noch in 28 Prozent der Schulen regelmässig die Badehosen angezogen werden. Fragt man nach den Gründen, wieso im Unterricht nicht regelmässig geschwommen wird, nennen 45 Prozent der Schulleitungen die fehlende Infrastrukturen.

Beim St. Galler Amt für Volksschule ist man sich der Problematik bewusst. «Der Mangel an Hallenbädern erschwert natürlich die Schwimmausbildung », so Amtsleiter Rolf Rimensberger, spielt den Ball aber sogleich weiter: «Die Erstellung und der Unterhalt von Hallenbäder ist Sache der Gemeinden und nicht des Kantons.» Als Reaktion auf die Studie wird ein Konzept zur Qualität im Sportunterricht erarbeitet.

Laut Schwimmlehrerin Manciono ist das auch dringend nötig. Der Unterricht finde oft ohne den nötigen Ernst statt. «Oft werden Spielchen gemacht oder man taucht nach Ringen. Und begleitet werden die Kinder von Lehrern mit Rettungsschwimmer-Brevets, da für ausgebildete Schwimmlehrer das Geld fehlt.»

Erst tauchen, dann kraulen

Doch wie lernt man eigentlich richtig schwimmen? Viele Kinder werden zum Beispiel immer noch auf Brustschwimmen getrimmt. «Das ist kreuzfalsch», weiss Mancino, «Kinder sollten als Erstes tauchen lernen und in einem weiteren Schritt Rückenkraulen und später Bauchkraulen.» Dies, weil Kraulen eine viel natürlichere Bewegung sei als das klassische Brustschwimmen und deshalb einfacher erlernt werden könne.

Dass das Tauchen zuerst kommt, ist fundamental für die Sicherheit der Kinder: Fällt ein Kind unerwartet in einen Fluss oder einen See, muss es als Erstes die Orientierung nach oben finden. Deshalb wird in Schwimmkursen zu Beginn das Augenmerk auf das Tauchen und Springen ins Wasser gelegt. Das entspricht auch den Empfehlungen der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG, die bei der Vernehmlassung zum Lehrplan 21 auf Wasserunfallprävention und Wasserrettungskompetenz pocht.

Auch Schwimmlehrerin Corina Speck von der Schwimmschule Flosse aus Arbon beobachtet, dass Kinder in der Ostschweiz immer schlechter schwimmen und Angst haben, den Kopf unter Wasser zu halten. Speck: «Das wird von Müttern auch nicht gern vorgezeigt, da die Haare nass werden und möglicherweise die Schminke verwischt.»

Die Schwimmschule Flosse hat reagiert und bietet neben klassischen Schwimmkursen auch MuKi-Schwimmen für Kinder ab zwei Jahren an. In diesen Kursen werden auch die Eltern für den richtigen Lernaufbau beim Schwimmen sensibilisiert. «Früh üben erhöht die Überlebenschancen bei einem Badeunfall massiv», sagt Speck.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.