175. Oktoberfest: «Ozapft is» auch ohne Dirndl
Aktualisiert

175. Oktoberfest«Ozapft is» auch ohne Dirndl

Mit nur zwei Schlägen hat der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude am Samstag das erste Fass angezapft und damit das 175. Oktoberfest eröffnet. Die 6000 Gäste im voll besetzten Schottenhamel-Zelt spendeten tosenden Applaus.

Denn unmittelbar nach Udes geübten Schlägen floss um kurz nach 12:00 Uhr in allen 14 Zelten das Bier. Zwölf Böllerschüsse hatten allen Wirten das Zeichen für den Ausschank gegeben. Weniger Applaus und sogar Buh-Rufe erntete Ministerpräsident Günther Beckstein, als er mit seiner Ehefrau Marga unter Fanfarenklängen einzog.

Für den Regierungschef, der erst seit einem Jahr im Amt ist, war es seine Anzapf-Premiere. Eine Woche vor der Landtagswahl kam der Franke in einem hellen Trachtenanzug auf das urbayerische Fest. Kritische Blicke zog seine Ehefrau auf sich. Nicht im Dirndl, sondern mit schwarzem Rock und einem langen geblümten Blazer mit Trachtenknöpfen kam sie zum Anstich. Schon Wochen vor dem Anstich war Marga Becksteins Dirndl-Verweigerung Thema in den Münchner Blättern.

Sorge vor Stimmenverlusten durch «Dirndl-Gate»

Nicht einmal der saftige Anstieg des diesjährigen Bierpreises - die Mass kostet zwischen 7,80 Euro und 8,30 Euro - hatte für solche Diskussionen gesorgt. Sogar vom «Dirndl-Gate», das der CSU viele Stimmen kosten werde, war die Rede. Alt-Ministerpräsident Edmund Stoiber und seine Frau aber zeigten sich Oktoberfest-konform. Karin Stoiber erschien im Dirndl zur Oktoberfesteröffnung, ihr Mann im Trachtenanzug - allerdings in einem anderen Zelt als die Becksteins. Dafür sass Stoiber-Double Michael Lerchenberg nur ein paar Tische von Beckstein entfernt.

Oberbürgermeister Ude nahm es gelassen, dass er mit Beckstein erstmals einem Franken die erste Mass überreichen und auf eine friedliche Wiesn anstossen musste. Ude gab dem nordbayerischen Ministerpräsidenten gleich noch eine Oktoberfest-Weisheit mit auf den Weg: «Wir trinken in Bayern a Bier und noch a Bier und noch a Bier und dann lass ma 's Auto stehen!»

Feiern liess sich Ude, weil er seinen Rekord mit zwei Anzapf-Schlägen von 2005 wieder erreichte. «Es hängt halt voll vom ersten Schlag ab», fachsimpelte er. Beckstein zollte dem Oberbürgermeister Bewunderung und lobte das Oktoberfest als «schönstes Volksfest der Welt». Er werde von der Stimmung mitgerissen, beteuerte der Ministerpräsident. Auch er musste zur Dirndl-Frage Stellung nehmen.

Beckstein springt seiner Frau zur Seite

«Ich bin absolut sicher, dass meine Frau eine würdige Kleidung hat», nahm Günther Beckstein seine Gattin in Schutz. Die Gescholtene selbst stellte einfach nur klar: «Ich beteilige mich an der Diskussion über meine Kleidung nicht.» Unterstützung bekam die Ministerpräsidenten-Gattin von Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl, die in einem eleganten Dirndl erschienen war. «Das passt schon», urteilte Weishäupl über Marga Becksteins Kleiderwahl. «Dieses Volksfest ist ein Fest der Toleranz und Liberalität. Hier einen Kleidungszwang zu verhängen, ist nicht mein Ding.»

Auch Grünen-Chefin Claudia Roth, die selbst in einem feuerroten Dirndl erschienen war, gab sich tolerant und plädierte für freie Wahl der Kleidung. «Sie muss aber schon wissen, dass das ein Angriff auf die CSU-Leitkultur ist», liess sie die Ministerpräsidenten-Gattin dennoch wissen. Zu Stoibers Zeiten sei mehr Stimmung im Zelt gewesen, erinnerte sich Roth.

Trotz sinkender Umfragewerte für die CSU gab sich Beckstein gelassen. «Die nächste Stunde ist der Wahlkampf passé», kündigte er an. Auf der Ehrentribüne prostete Beckstein seinem SPD-Herausforderer Franz Maget zu. «Ich bin ja hier so gut wie daheim», verwies dieser auf seine Anstich-Erfahrung. Auch Maget wollte auf der Wiesn den Wahlkampf ruhen lassen, zeigte sich aber für die Landtagswahl sicher: «Es geht nach oben.»

Echter Bayer lässt die Lederhose daheim

Einzig bei den Grünen hatte sich Prominenz aus der Bundespolitik eingefunden. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sass Rücken an Rücken mit Beckstein. «Change is good» prangte in oranger Schrift auf ihrem Shirt. Ihr Stellvertreter Jürgen Trittin versuchte mit einem blauen Halstuch trachtenmässig daherzukommen. Das Tuch hätten ihm Münchner Freunde verpasst, erklärte er. Der bayerische Grünen-Spitzenkandidat Sepp Daxenberger dagegen hatte seine Lederhose im Schrank gelassen. Die sei original Chiemgauer Tracht, meinte er. Das passe nicht zur Landhausmode auf dem Oktoberfest.

Moderator Florian Silbereisen dagegen feierte in Lederhose, Sängerin Wencke Myhre hatte sich ein Trachtentuch umgebunden. Auch Schauspielerin Jutta Speidel hatte sich mit Lebensgefährten Bruno Maccallini einen Platz im Anstich-Zelt gesichert. Die meisten Festzelte waren bereits bereits am Vormittag wegen Überfüllung geschlossen worden. Bereits am frühen Morgen waren Hunderttausende Besucher - die meisten in Dirndl oder Lederhosen - trotz kühler Temperaturen auf die Theresienwiese geströmt, um einen der 100 000 Plätze in den 14 grossen Festzelten zu ergattern.

Das grösste Volksfest der Welt dauert bis zum 5. Oktober. Trotz strengen Rauchverbots darf auf der diesjährigen Wiesn in den Zelten noch gequalmt werden. Insgesamt werden sechs Millionen Gäste aus aller Welt erwartet. Auch in diesem Jahr wollen die Münchner Brauereien wieder mehr als sechs Millionen Mass Bier, mehr als eine halbe Million Hendl und über 100 Ochsen an die Festbesucher bringen. (dapd)

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