Ozon-Schock: Alle reden, niemand will handeln
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Ozon-Schock: Alle reden, niemand will handeln

Die Schweiz leidet auch diesen Sommer unter viel zu hohen Ozonwerten. Die Situation ist zwar laut Fachleuten nicht schlimmer als in früheren Jahren, dennoch werden die Grenzwerte seit Wochen fast täglich überschritten. Handeln will der Bund trotzdem nur langfristig.

Seit beinahe sechs Wochen werden die Ozongrenzwerte in weiten Teilen der Schweiz mit wenigen Ausnahmen täglich überschritten. Am (gestrigen) Montag zeigten 15 der 16 Messstationen des Bundes zu hohe Werte an und auch am Dienstag lag die Mehrzahl der Stationen bereits am frühen Nachmittag wieder deutlich im roten Bereich. Mit dem Rückgang der Bise und dem weiterhin heissen Sommerwetter ist in den kommenden Tagen mit noch höheren Werten zu rechnen.

Laut Peter Straehl vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) ist diese Situation keineswegs ungewöhnlich. Er schätzt die Ozonbelastung im bisherigen Jahresverlauf ähnlich hoch ein wie im Vorjahr. So schlecht wie im Rekordsommer 2003 sei die Luft aber bei weitem nicht. Die Frage nach Sofortmassnahmen, um die Belastung zu senken, beantwortet Straehl sehr zurückhaltend. Tempobeschränkungen könnten zwar etwas Linderung bringen, aber keine Wunder. «Wenn man kurzfristig Temposenkungen einführt, kommt man zu spät», sagte er. Was zähle, seien langfristige Verbesserungen. Der Experte weist diesbezüglich auf die Fortschritte bei der Luftreinhaltung in den letzten zehn bis 15 Jahren hin. Die Ozonspitzen seien in dieser Zeit um zehn bis 15 Prozent gesenkt worden. Bei den Vorläuferstoffen - Stickstoff und flüchtige organische Verbindungen - betrug der Rückgang gar 50 bis 60 Prozent. Der Bund sei unter anderem über die Verschärfung von Abgasvorschriften, die Verkehrsverlagerung und die CO2-Abgabe aktiv.

Auch die Kantone halten sich mit Sofortmassnahmen zur Senkung der Ozonwerte zurück. Sie setzen primär auf die Information der Bevölkerung. Seit letztem Jahr verschicken die kantonalen Umweltdirektoren jeweils eine Warnung, wenn die Ozonwerte mit 180 Mikrogramm pro Kubikmeter das Anderthalbfache des Grenzwert von 120 Mikrogramm erreichen. Darin wird unter anderem empfohlen, auf starke körperliche Anstrengung zu verzichten und wenn möglich den öffentlichen Verkehr statt das eigene Auto zu benützen. Dieses Jahr bestand bisher vier Mal Anlass für eine solche Warnung.

Konkrete Massnahmen sieht das Konzept vor, wenn der Ozonwert während drei Stunden doppelt so hoch ist wie erlaubt. In diesem Fall wollen die Kantone Tessin und Graubünden sowie Genf Sofortmassnahmen wie etwa Temposenkungen verhängen. Die Westschweizer Umweltdirektoren haben jüngst gefordert, dieses Modell auf die ganze Schweiz auszuweiten. Laut BAFU-Experte Straehl wäre eine solche Ausdehnung aber wohl vor allem einen Papiertiger. Denn Werte von 240 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter über drei Stunden seien nördlich der Alpen nicht einmal im Hitzesommer 2003 erreicht worden. (dapd)

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