Pädophilen-Jäger: «Ich würde es wieder tun»

Aktualisiert

Pädophilen-Jäger: «Ich würde es wieder tun»

Der Informatiker, der beim Westschweizer Radio einen Pädo-Porno-Skandal ans Licht brachte, hat alles verloren. Dennoch würde er wieder gleich handeln, sagt er im Interview mit 20minuten.ch.

von
Maurice Thiriet

Ende Februar platzte in der Westschweiz die Bombe. Ein Kadermitglied des Radio Suisse Romande (RSR) hatte kinderpornographisches Material auf seinem Computer. Der Mann blieb weitgehend unbehelligt, bis der Informatiker, der die Bilder gefunden hatte, nicht mehr länger schwieg.

Der Informatiker Jorge Resende ist wegen «Verstoss gegen Gebote der Vertraulichkeit» entlassen worden. Der Kadermann mit den Bildern ist lediglich beurlaubt. Resende kämpft um seinen Job und schildert im Interview, wie er die ganze Affäre, die seit 2005 andauert erlebt hat.

Herr Resende, was haben Sie eigentlich genau für pornographische Bilder gefunden?

Viele Bild-Dateien mit jungen, nackten Mädchen. Rund 300 Bilder von eindeutig pädophilem Charakter. Die Mädchen waren in sexuelle Posen gestellt. Auch Sexspielzeug wie Vibratoren war zu sehen. Es hatte auch Filme, aber die habe ich mir nicht angesehen, die Bilder haben mich bereits genug belastet.

Wen genau haben Sie über Ihren Fund informiert?

Ich habe meinen Chef bei den Informatikdiensten ins Bild gesetzt. Dieser hat nach eigenen Angaben Direktor Tschopp und Generalsekretär Rostan informiert.

Und was haben die gemacht? Hat man Ihnen das gesagt?

Nein. Ich bin über die weiteren Aktionen der Direktion nicht informiert worden. Mein Chef hat mich am Tag darauf angerufen und gesagt, dass die betreffende Person den Besitz der Bilder zugegeben hat. Gegenüber meinem direkten Vorgesetzten hat Tschopp dann auch ausgeführt, dass der Mann in psychologische Behandlung geschickt, die Polizei aber nicht informiert werde.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war damit nicht einverstanden, aber mein Vorgesetzter hat klar gemacht, dass der Entscheid, die Polizei zu informieren, nicht an uns sei. Ich habe noch zweimal mit meinem Chef gesprochen und versucht, das Personalmanagement zu informieren. Als ich angekündigt habe die interne Schlichtungskommission anzurufen, wurde ein Entlassungsverfahren eingeleitet. Danach habe ich nichts mehr unternommen. Ich habe eine Frau und drei Kinder, ich konnte es mir nicht leisten meinen Job zu verlieren. (Anm. der Red.: Resende konnte nicht entlassen werden, weil er krankgeschrieben war).

Haben Sie denn gewusst, wer der Besitzer der Bilder war?

Das ist überhaupt nicht wichtig. Es ging und geht mir auch heute noch nicht um die Person. Ich hatte mit dem Betreffenden weder vorher noch nachher etwas zu tun. Es geht mir darum, dass solche Vorfälle konsequent den Strafverfolgungsbehörden zugestellt werden.

Erwarten Sie, dass Direktor Tschopp zurücktritt?

Es liegt nicht an mir, seinen Rücktritt zu fordern. Ich führe ja keinen Krieg gegen Tschopp. Das ist nun die Sache von Herrn Walpen und der SRG-Generaldirektion.

Sie wollen Ihren Job zurück. Würden Sie auch wieder bei RSR arbeiten, wenn die alten Vorgesetzten noch da wären?

Wie gesagt, ich führe keinen Krieg gegen Herrn Tschopp oder sonst jemanden. Aber auch er muss wissen, dass ich mit der Meldung der Bilder nur meinen Job gemacht habe. Ich habe die Geschichte ja nicht an die Medien getragen, wie mir vorgeworfen wird. Ich musste aber auf ein Rundmail von Generalsekretär Rostan reagieren. Darin war der Sachverhalt nicht richtig dargestellt worden. Ich will doch nur, dass solche Vorkommnisse nicht vertuscht werden. Auch jetzt ist noch nicht alles ans Licht gekommen. Wenn der Untersuchungsrichter sagt, er sehe nur ein gutes Dutzend strafrechtlich relevante Bilder, dann kann er nicht alle gesehen haben. Ich weiss, dass es viel mehr sind.

Noch sind Sie arbeitslos, Ihre Meldung hat sie eine Menge gekostet. Wovon leben Sie momentan?

Von nichts. Ich habe kein Erspartes, kein Einkommen. Ich gehe auch nicht zur Arbeitslosenkasse, weil ich meiner Meinung nach ja auch nicht arbeitslos sein sollte. Ich habe Schulden.

Würden Sie es trotzdem wieder tun?

Unter den gegebenen Umständen: Ja.

Was bisher geschah:

Bis 2005:

Ein Topkader von Radio Suisse Romande speichert im Computer an seinem Arbeitsplatz zwischen 250 und 300 pornographische Bilder.

Mai 2005:

Der RSR-Informatiker Jorge Resende stösst während Wartungsarbeiten auf die Bilder. Einen Teil davon schätzt er als kinderpornographisch und damit strafrechtlich relevant ein. Er meldet seinen Fund der Direktion der RSR.

RSR-Direktor Gérard Tschopp lässt drei «Experten» die Bilder untersuchen, diese stufen die Bilder laut seinen Angaben als «grenzwertig, aber nicht strafrechtlich relevant ein». Dem Porno-Kader wird eine Psychotherapie und eine Probezeit von dreieinhalb Jahren auferlegt.

Dezember 2007:

Der Porno-Kader ist immer noch im Amt. Whistleblower Resende droht laut Direktor Tschopp mit der Publikation seines Wissens. Das Verfahren zur ordentlichen Entlassung des Informatikers wird eingeleitet. Weil er wegen einer Depression krankgeschrieben ist, kann er aber nicht entlassen werden.

28. Februar 2008:

Nachdem Resende Kollegen über seine Unzufriedenheit mit der Bewältigung der Affäre orientiert hatte, verschickt die Direktion ein Mail an die Mitarbeiter, um die Situation zu beruhigen. Resende verschickt daraufhin selbst ein Rundmail, um seine Sicht der Dinge zu schildern. Laut Tschopp unterrichtete Resende wiederholt auch Personen ausserhalb des Hauses.

29. Februar 2008:

Resende wird fristlos entlassen. Derweil sitzt der Pornokader weiter im Amt, lässt sich jedoch im Zuge der Geschehnisse krankschreiben. «20 Minutes» berichtet erstmals über die Affäre.

3. März:

Tschopp erklärt auf seinem eigenen Sender, dass Resende wegen Missachtung von Vertraulichkeitsgrundsätzen entlassen worden sei. Die fraglichen Bilder habe man im Jahr 2005 einer Expertengruppe gezeigt, welche die Bilder als harmlos bezeichnet habe. Um welche Experten es sich gehandelt hat, wollte Tschopp geheim halten.

4. März:

Die Zeitung «Le Courier» berichtet über die Affäre. Derweil ermittelt Untersuchungsrichter Philippe Vautier in der Sache. Er bezeichnet 13 Bilder als strafrechtlich relevant.

20. März:

Tschopp hält eine Pressekonferenz ab und weist erneut auf die anonym verfasste Expertise und die daraufhin gezogenen Konsequenzen hin. Resende werde nicht mehr eingestellt. Der Porno-Kader sei nicht rückfällig geworden.

23. März:

In «Le Matin Dimanche» outet sich der Psychiater Gérard Salem als einer der «anonymen Experten». Er und seine Kollegen seien nicht als Experten befragt worden, sie hätten lediglich zwischen 15 und 25 der insgesamt 250 bis 300 Bilder gesehen. Diese seien strafrechtlich nicht relevant gewesen. Man habe dem RSR-Direktorium lediglich einen «freundschaftlichen Rat» erteilt und fühle sich instrumentalisiert und ausgenutzt.

23. März:

Gleichentags versuchen Gérard Tschopp und Blaise Rostan, Generalsekretär von RSR, den Schaden zu minimieren. Sie bezichtigen ihren «Experten» Salem der Lüge, man habe ihm und seinen Kollegen sehr wohl alle Bilder gezeigt, die Visionierung habe rund zwei Stunden gedauert. Die Experten hätten auch Ratschläge gegeben, welche man befolgt habe.

24. März:

Der Verwaltungsrat von Radio Télévision Suisse Romande (RTSR) kündigt an, eine unabhängige Person mit einer neuen Untersuchung der Vorkommnisse seit 2005 zu betrauen. RTSR-Verwaltungsratspräsident Jean-François Roth und SRG-Generaldirektor Armin Walpen werden jemanden mit der Untersuchung betrauen.

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