Biden vs. Ryan: «Papa Joe» muss Obamas Wahlkampf retten
Aktualisiert

Biden vs. Ryan«Papa Joe» muss Obamas Wahlkampf retten

Nach seinem schwachen Auftritt gegen Mitt Romney befindet sich Barack Obama in Rücklage. Vizepräsident Joe Biden ist im Duell mit Paul Ryan gefordert.

von
Peter Blunschi
New York
Joe Biden und Paul Ryan werden am Donnerstag in Danville das einzige Fernsehduell der Vizekandidaten bestreiten.

Joe Biden und Paul Ryan werden am Donnerstag in Danville das einzige Fernsehduell der Vizekandidaten bestreiten.

So schnell kann es gehen: Vor etwas mehr als einer Woche galt Mitt Romney bei manchen US-Politexperten bereits als erledigt. Dann kam die erste Fernsehdebatte mit Barack Obama. Der republikanische Kandidat überraschte mit einem in jeder Hinsicht moderaten Auftritt, während der Präsident lustlos und gereizt wirkte. Seither befindet sich Romney im Aufwind: In der Mischumfrage von Realclearpolitics liegt er erstmals vor Obama.

Bei einzelnen Anhängern des demokratischen Amtsinhabers bricht deswegen bereits Panik aus. Der «Daily Beast»-Blogger Andrew Sullivan – ein konservativer Obama-Fan, den der Präsident auch persönlich schätzt – bezeichnete die jüngste Entwicklung als «verheerend, einfach verheerend». Solche Einschätzungen sind übertrieben. Ausgefeilte Rechenmodelle wie jenes des «New York Times»-Statistikers Nate Silver sehen den Präsidenten immer noch im Vorteil. Aber das Momentum ist eindeutig auf Seiten der Republikaner.

Ryan bietet Angriffsfläche

Umso mehr Bedeutung erlangt die einzige TV-Debatte der Vizekandidaten am Donnerstag in Danville (Kentucky). Sie bewirkt in der Regel etwa so viel wie die Halbzeitshow bei der Super Bowl im Football. Doch beim Aufeinandertreffen des erzkonservativen Jungstars Paul Ryan und des rüstigen Vizepräsidenten Joe Biden ist der Einsatz hoch. «Papa Joe» muss die Republikaner in der Steuer- und Sozialpolitik stellvertretend für seinen Chef schärfer attackieren. Sein Gegenüber ist dafür eine Idealbesetzung, er bietet viel Angriffsfläche.

Paul Ryan verkörpert jene Positionen, die Obamas Demokraten als Politik der sozialen Kälte anprangern. Der 42-jährige Chef der Budgetkommission im Repräsentantenhaus steht für weniger Staat, niedrigere Steuern und radikale Reformen des Sozialstaats. Besonders umstritten sind Ryans Vorschläge für die staatliche Senioren-Krankenkasse Medicare. Der Abgeordnete aus Wisconsin will, dass Rentner künftig nicht mehr direkt versichert sind, sondern Gutscheine erhalten, mit denen sie eine private Versicherung kaufen können.

Romney distanziert sich

Amerikas Senioren befürchten, dass sie in diesem System steigende Versicherungskosten selbst tragen müssen. Auf einer Konferenz der Rentner-Lobby AARP wurde Ryan im September laut ausgebuht. «Noch nie in der jüngeren Geschichte stand ein Vizekandidat so stark für ein zentrales Wahlkampfthema», sagt Joel Goldstein von der Universität St. Louis. Der Ryan-Plan werde sich als Hemmnis beim Buhlen um die ältere Generation in umkämpften Bundesstaaten wie Ohio oder Florida erweisen.

Mitt Romney hat sich deswegen Ende September von den Ideen seines «Running Mate» in der Gesundheitspolitik distanziert: «Ich bin derjenige, der für die Präsidentschaft kandidiert, nicht er», sagte er dem TV-Sender CBS. Ryan muss nun abwägen, wie stark er bereit ist, sich im Duell mit Biden zu verbiegen. Anders als für Romney ist der diesjährige Wahlkampf nicht sein politisches Endspiel. Viele trauen Ryan eine grosse Karriere zu – und der Jungstar wird sich wohl hüten, seinen fiskalkonservativen Markenkern zu opfern.

Bidens verbale Ausrutscher

Dies ist die Chance für Joe Biden. Der 69-jährige Politveteran stammt aus einfachen Verhältnissen und spricht die Sprache des Volkes. Allerdings hat der Vizepräsident den Ruf, immer für einen verbalen Ausrutscher gut zu sein. Anfang Oktober erklärte er unbeholfen, die amerikanische Mittelklasse sei in den vergangenen vier Jahren «begraben» worden. Nach hämischen Reaktionen der Republikaner stellte Biden eilig klar: Begraben von Problemen, die noch aus der Zeit von Obamas Vorgänger George W. Bush stammten.

Wenn Biden allerdings voll bei der Sache ist, dann kann er zur Hochform auflaufen. So etwa am Parteikonvent der Demokraten in Charlotte, als er mit dem Schlachtruf «Osama Bin Laden ist tot und General Motors lebt» brillierte. Paul Ryan jedenfalls erwartet, dass Biden «wie eine Kanonenkugel» auf ihn losgehen werde. Und es gibt noch einen Anreiz für den Vizepräsidenten: Die Gerüchte wollen nicht verstummen, wonach er sich 2016 zum dritten Mal für die Präsidentschaft bewerben will, obwohl er dann bereits 73 Jahre alt sein wird. Ein überzeugender Auftritt am Donnerstag wäre für ihn beste Werbung in eigener Sache.

Mit Material von SDA

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