08.07.2014 20:35

Schule Aadorf TG

«Paparazzi-Eltern» sind ab sofort unerwünscht

Die Aadorfer Schulbehörde verbietet Eltern das Fotografieren und Filmen im Schulzimmer. Grund dafür ist das Video eines weinenden Schulkindes, das im Internet veröffentlicht wurde.

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taw
Unvorteilhafte Situationen im Schulzimmer sollen nicht gefilmt oder fotografiert werden. (Symbolbild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Unvorteilhafte Situationen im Schulzimmer sollen nicht gefilmt oder fotografiert werden. (Symbolbild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Ab dem neuen Schuljahr können Eltern an Aadorfer Schulen den ersten Schultag ihres Kindes oder Besuchstage nicht mehr im Bild festhalten: Ab dann gilt nämlich ein Film- und Fotoverbot, das auch in der Hausordnung festgehalten wird. Das hat die Schulbehörde in einem Schreiben an die Eltern von schulpflichtigen Kindern kürzlich mitgeteilt.

Weinendes Kind im Internet veröffentlicht

«Grund für das Verbot ist ein ohne Erlaubnis im Internet veröffentlichtes Video von einem weinenden Schulkind während einem Schulbesuchstag», so der Aadorfer Schulpräsident Martin Köstli. Das Kind habe die Antwort auf eine Frage nicht gewusst und sei dann in Tränen ausgebrochen. Veröffentlicht wurde das Video nicht von den Eltern des Kindes, sondern von Drittpersonen. Die Eltern des betroffenen Schulkindes haben sich daraufhin bei der Schulleitung beschwert.

Laut Köstli habe man kein generelles Problem mit Bildaufnahmen, sondern nur dann, wenn es Kinder in unvorteilhaften Situationen zeigt. «Mit dem Verbot wollen wir die Integrität der Kinder wahren und vermeiden, dass sie blossgestellt werden», sagt Köstli gegenüber der «Thurgauer Zeitung».

Schwierige Situationen gebe es in der Schule immer wieder, etwa wenn Kinder im Unterricht weinen oder auch einmal austicken. «Solche Situationen sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt», sagt Köstli.

Verbot nur fürs Schulzimmer

Mit dem Foto- und Filmverbot nimmt die Schule Aadorf generell Rücksicht auf jene Eltern, die ausdrücklich keine Bilder und Filme ihrer Kinder im Internet haben möchten. Eine Umfrage der Aadorfer Schulen zeige, dass rund ein Viertel der Eltern nur schon eine Veröffentlichung von Bildern ihrer Kinder auf der schuleigenen Webseite ablehne, erklärt der Schulpräsident.

Das Film- und Fotoverbot gilt allerdings nicht auf dem ganzen Schulareal, sondern nur in den Schulzimmern. Für die Schüler selber sei dort die Benutzung von elektronischen Geräten ohnehin tabu. Aufnahmen auf dem Pausenhof verbietet die Schule Aadorf nicht. «Das würde zu weit führen und wäre schwer zu kontrollieren», sagt Köstli. Auch Anlässe wie etwa Theateraufführungen und ähnliche Veranstaltungen fallen nicht unter das Verbot. «Bisher haben wir nur positive Reaktionen erhalten», so Köstli.

Rechtlich abgesichert

Laut Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes dürfen Schulen eigene Regeln für das Areal aufstellen. «Das Foto- und Filmverbot im Schulzimmer ist somit juristisch korrekt», sagt Zemp. Wichtig sei in solchen Fällen eine klare und transparente Kommunikation an die Eltern und Schüler. Angesichts der Bilderflut und der Datenschutzprobleme im Internet sind viele Schulen laut Zemp vorsichtiger geworden. «Auch Fotografien im Internet unterliegen dem Recht am eigenen Bild, das heisst, dass die abgebildete Person der Veröffentlichung zustimmen muss», so Zemp. In einem Klassenzimmer mit mehreren Schülern müsste also jeder einzelne sein Einverständnis geben.

Laut Zemp gibt es immer mehr Eltern, die überhaupt keine Bilder mehr von ihren Kindern im Internet wollen. «Wer ein Andenken an den ersten Schultag will, kann auch zuhause oder vor dem Schulareal knipsen», so Zemp. Zudem gibt es an vielen Schulen immer noch das offizielle Klassenfoto mit Lehrperson, das als Andenken für den privaten Gebrauch produziert wird.

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