Aktualisiert 22.10.2015 11:13

Gestrichen

Papiersammeln zu gefährlich für Schüler

Schulen streichen vermehrt das Sammeln von Altpapier: Für die Schüler sei es zu gefährlich. Und im Falle eines Unfalls könnten die Lehrer haften.

von
num
Darf man das Altpapiersammeln den Schülern noch zumuten? Daran scheiden sich die Geister.

Darf man das Altpapiersammeln den Schülern noch zumuten? Daran scheiden sich die Geister.

Weil sich die Schule im aargauischen Arni vor einem Unfall beim Papiersammeln fürchtet, hat sie dieses Engagement beendet, berichtet die «Aargauer Zeitung». So wie Arni haben in den letzten Monaten einige Schulen in mehreren Kantonen entschieden – beispielsweise in Nebikon LU und in Muolen SG.

Die Schulleiter haben wohl immer noch den Unfall vom Mai 2007 im Hinterkopf. Eine Primarklasse in Buchrain LU wurde beim Sammeln von einem Lastwagen begleitet. Ein 13-jähriger Schüler geriet währenddessen unter die Hinterachse des rückwärts fahrenden Lasters und verstarb noch auf der Unfallstelle.

Meinungen gehen auseinander

Danach gaben der Schweizerische Gemeindeverband und die Fachorganisation Kommunale Infrastruktur eine Empfehlung an die Gemeinden ab. Man solle doch eine andere Lösung suchen, als die Schüler auf Sammeltour zu schicken: «Die Aspekte der Sicherheit und Unfallverhütung sind aus Sicht der Verbände höher zu gewichten als die finanziellen Aspekte.»

Peter Hofmann, Jurist des Lehrerverbands, sagt zu 20 Minuten: «Ich halte das Risiko für Schüler beim Papiersammeln zu hoch. Der Verkehr hat zugenommen und Schüler – es sammeln auch Fünftklässler – haben ein anderes Risikobewusstsein als wir Erwachsenen.» Zudem seien die Schüler am Abend unterwegs.

Nicht alle unterstützen den Entscheid der Schule in Arni: «Wir haben heute die Mentalität, alles abzusichern bis zum Abwinken», sagt Heinz Pfister zur «Aargauer Zeitung». Der Gemeindeammann von Arni bedauert den Entscheid der Schule.

Juristische Konsequenzen möglich

Hofmann widerspricht: «Dass das Papiersammeln für Schüler teilweise abgeschafft wird, entspringt nicht einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis.» Schulen und Gemeinden müssten im Falle eines Unfall auch mit juristischen Konsequenzen rechnen. «Oft scheint diesen Behörden nicht bewusst zu sein, dass ihnen seitens der Gerichte und Versicherungen bei einem Unfall Eventualvorsatz vorgeworfen werden könnte.» Das würde bedeuten, dass der Unfall bewusst in Kauf genommen worden sei.

Der Jurist sagt, dass die Risiken unterschiedlich gewichtet werden müssten: «Ich bin sonst auch nicht dafür, die Schüler in der Schule einzusperren.» Wenn ein Schüler vom Baum falle und sich etwas breche, müsse man das Klettern nicht verbieten. «Aber wir sprechen in solchen Fällen von einem sozial akzeptierten Risiko.»

Das sagt auch der Präsident des Lehrerverbands, Beat W. Zemp: «Ich verstehe jeden Lehrer, der das Risiko nicht eingehen will. Die zivilrechtlichen und strafrechtlichen Folgen eines Unfalls können Existenzen zerstören.» Es sei heute so, dass es immer einen Schuldigen brauche.

«Schüler sollen lernen, auf sich selber aufzupassen»

Diese Kultur habe sich auf die Arbeit der Lehrer ausgewirkt – zum Beispiel im Schwimmunterricht, auf Exkursionen oder Velotouren. «Dieses Behüten fördert nicht gerade die Entwicklung eines Schülers», sagt Zemp. Man rate auch Eltern, die ihre Schüler mit dem Auto bis vors Schulhaus bringen, das Kind selbstständig werden zu lassen. «Die Schüler sollen den Schulweg zu Fuss machen und dabei lernen, auf sich selbst aufzupassen.»

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