Aktualisiert 20.12.2013 22:16

Alter RitusPapst Franziskus will keine Messen auf Latein

Seit Monaten geht Papst Franziskus gegen einen Orden vor, der die Messe in alter lateinischer Form feiert. Das sorgt nun für grossen Unmut in konservativen Kirchenkreisen.

von
Nicole Winfield, AP

Vom US-Magazin «Time» wurde Papst Franziskus gerade erst zur «Person des Jahres» gekürt, doch Traditionalisten unter den Katholiken sehen ihn zunehmend kritisch. Hintergrund ist sein hartes Vorgehen gegen einen Orden, der die Messe in alter lateinischer Form feiert. Der Fall geriet ins Zentrum eines ideologischen Tauziehens innerhalb der katholischen Kirche um Franziskus' revolutionäre Agenda, die Reformorientierte begeistert und einige Konservative beunruhigt.

Die Angelegenheit betrifft die Franziskanerbrüder der Unbefleckten Empfängnis, einen kleinen, aber wachsenden Orden aus mehreren hundert Priestern, Seminaristen und Nonnen. Er wurde 1990 in Italien als Ableger des grösseren Franziskanerordens gegründet. Der damalige Papst Benedikt XVI. leitete eine Untersuchung ein, nachdem fünf Priester der Gemeinschaft beklagt hatten, diese schlage eine zu traditionalistische Richtung ein und feiere die Messe zunehmend nur noch auf Latein. Benedikt hatte 2007 diesbezüglich die Beschränkungen gelockert.

Papst ruft zu radikalem Umdenken auf

Ordensgründer wird in ein Heim geschickt

Kern des Streits sind unterschiedliche Interpretationen der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils aus den 1960er Jahren, die unter anderem den Gebrauch der jeweiligen Landessprache für die Messe vorsahen. Einige sahen darin einen Bruch mit der Kirchentradition. Im Juli unterstellte der Vatikan den Orden dem Kapuzinerpater Fidenzio Volpi als Apostolischen Kommissar. Er sollte den Streit um die Liturgie beilegen, die Einigkeit innerhalb der Gemeinschaft wieder herstellen und deren Finanzen in den Griff bekommen. Im selben Erlass untersagte Franziskus den Brüdern die Feier der sogenannten tridentinischen Liturgie, sofern sie dafür keine ausdrückliche Genehmigung einholten - eine klare Abkehr von Benedikts Entscheidung aus dem Jahr 2007.

In den folgenden Wochen schlug die Empörung der Traditionalisten hohe Wellen. Vier italienische Intellektuelle schrieben an den Vatikan und warfen ihm «ungerechte Diskriminierung» derer vor, die dem traditionellen Ritus folgten. Doch Volpi liess sich nicht beirren und schickte Ordensgründer Stefano Maria Manelli in ein katholisches Heim.

Harte Sanktionen gegen den Orden

Am 8. Dezember schliesslich erliess er im Namen des Papstes eine Reihe von Sanktionen, die von Beobachtern als ungewöhnlich hart eingestuft wurden: Er schloss das Seminar der Brüder und verwies die Studenten an andere religiöse Universitäten in Rom. Er stoppte die Aktivitäten der Laienbewegung der Brüder. Er setzte die Ordination neuer Priester für ein Jahr aus und forderte von künftigen Priestern, dass sie die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils und dessen neuer Liturgie formell annehmen, andernfalls würden sie ausgeschlossen. Und er verfügte, dass Priester sich schriftlich dazu bekennen müssen, der bestehenden Mission des Ordens zu folgen.

In einem Schreiben beschuldigte Volpi loyal zu Manelli stehende Brüder, seine Autorität untergraben zu wollen und warf einigen Unterschlagung vor. Um Manelli sei ein Personenkult entstanden, der «eine grosse spirituelle Armut und psychologische Abhängigkeit» offenbare, die mit dem Leben in einer religiösen Gemeinschaft nicht vereinbar seien. Im Vergleich zum Vorgehen des Vatikans gegen andere, grössere Orden oder Gruppen, bei denen es zu Problemen gekommen war, wirken die Sanktionen gegen die Franziskanerbrüder der Immakulata hart. Traditionalisten sehen eine Doppelmoral im Spiel: Ein konservativer, traditioneller Orden sei aus ideologischen Gründen ins Visier eines Papstes mit progressiven Neigungen geraten.

Abneigung gegen Traditionalisten

Franziskus hat den Erlass Benedikts, der die Feier der lateinischen Messe erleichterte, als klug bezeichnet. Zugleich warnte er aber vor der Gefahr, dass der Erlass von bestimmten Kirchenkreisen aus ideologischen Gründen ausgenutzt werden könnte. Aus seiner Abneigung gegen Traditionalisten macht Franziskus keinen Hehl, bei ihnen handele es sich um mit sich selbst beschäftigte Rückwärtsgerichtete, die nichts zur Evangelisierungsmission der Kirche beitrügen.

Eine Gruppe katholischer Laien rief eine Online-Petition zur Absetzung Volpis ins Leben. Wie viele Unterschriften dabei zusammenkamen, ist noch unklar. Vatikansprecher Federico Lombardi verteidigte Volpi als klugen, geschätzten und erfahrenen Administrator und erteilte den Forderungen nach dessen Absetzung eine Absage. Volpi kenne das religiöse Leben gut, und seine Nominierung sei eine weise Entscheidung gewesen, erklärte Lombardi. Die Ernennung eines Kommissars sei nötig gewesen, und Volpi wisse, was er mit seinen Befugnissen unternehmen müsse.

Vorübergehenden Einschränkung um des Friedens willen

Der Moraltheologe Robert Gahl von der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom, einer Einrichtung der Laienorganisation Opus Dei, sagt, der Papst habe sicher keine Einwände gegen die lateinische Messe und wolle sie nicht bekämpfen, indem er ihre Feier durch die Brüder einschränke. Franziskus habe die Massnahmen offenbar ergriffen, um die internen Konflikte über die Feier auszuräumen. Anschliessend habe der Papst weitere Schritte unternommen, nachdem finanzielle Unregelmässigkeiten aufgetreten seien.

«Die Liturgie ist immer ein überraschend sensibles Thema», sagt Gahl. Sie könne Gemeinschaften erschüttern, selbst wenn es im Kern nur um geringfügige Meinungsunterschiede gehe. Er vermute, dass sich Franziskus um des Friedens und der Einheit der Gemeinschaft willen zu einer vorübergehenden Einschränkung der lateinischen Messe entschlossen habe. Franziskus wolle die «Einheit in Christus» und den gegenseitigen Verleumdungen ideologischer Gruppen in der Kirche ein Ende setzen, «auch durch die, die die Liturgie ideologisieren», sagt Moraltheologe Gahl.

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