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MissbrauchsskandalPapst ist «tief bestürzt»

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat am Freitag Papst Benedikt XVI. über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche informiert. Auf seinen Bericht zu den Missbrauchsfällen in Deutschland habe der Papst «sehr bewegt und mit wachem Interesse» reagiert.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat Papst Benedikt XVI. über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche informiert. (Bild: REUTERS/Osservatore Romano)

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat Papst Benedikt XVI. über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche informiert. (Bild: REUTERS/Osservatore Romano)

Auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die Audienz erklärte der Freiburger Erzbischof, der Papst habe ihn ermutigt, die Fälle rückhaltlos aufzuklären und den Opfern beizustehen. Benedikt XVI. sei tief bestürzt und betroffen gewesen, als er ihm über die Fälle berichtet habe.

Zollitsch erklärte ausserdem, er habe die Glaubenskongregation über die von der Deutschen Bischofskonferenz gegen den Missbrauch eingeleiteten Schritte informiert. Der Vatikan prüfe, ob er selbst einige universelle Normen für den Umgang mit solchen Fällen aufstellen solle.

Benedikt XVI. habe seine Zustimmung für die von der Bischofskonferenz eingeleiteten Massnahmen erklärt, sagte Zollitsch weiter. Dazu gehöre auch die Ernennung des Trierer Bischofs Stephan Ackermann zum Sonderbeauftragten für Fälle sexuellen Missbrauchs.

Der Papst soll sich entschuldigen

Bei dem Besuch in Rom handelte es sich eigentlich um einen Routinebesuch, bei dem Zollitsch das Kirchenoberhaupt über die Ergebnisse der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz unterrichten sollte. Das Thema Missbrauch stand dabei jedoch angesichts der zahlreichen aufgedeckten Fälle in katholischen Einrichtungen im Mittelpunkt.

Der Papst selbst hat sich bislang nicht direkt zu den Missbrauchsvorwürfen in seiner deutschen Heimat geäussert, den Missbrauch von Kindern jedoch in anderem Zusammenhang aufs Schärfste verurteilt. Angesichts der immer neuen Fälle werden jedoch die Rufe nach einer Stellungnahme des Kirchenoberhaupts immer deutlicher.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) forderte den Papst sogar zu einer Entschuldigung bei den Opfern auf. Eine solche Geste sei mehr wert als einige tausend Euro Entschädigungszahlungen, sagte er im RBB-Inforadio.

Es ist «ein globales Problem»

Die katholische Reformbewegung «Wir sind Kirche» verlangte vom Papst grundsätzliche Entscheidungen, um den Missbrauch zu bekämpfen. Der Sprecher der Reformer, Christian Weisner, sagte im Südwestrundfunk, der Papst müsse einsehen, dass die Kirche ein «globales Problem» habe, das wesentlich in ihrer Haltung zur Sexualität und zu den Geschlechterrollen begründet sei.

Es genüge nicht, die Bischöfe einzelner Länder einzubestellen, «wenn es da gerade brennt», sagte Wiesner mit Blick auf die Papst-Audienz von Zollitsch. Vielmehr komme es darauf an, Homosexualität zu enttabuisieren und männliches Dominanzstreben gegenüber Frauen zu verurteilen.

Beauftragter nimmt auch Beschwerden über Bischöfe entgegen

Der Missbrauchs-Beauftragte der katholischen Kirche, Bischof Stephan Ackermann, erklärte derweil, er werde auch Beschwerden über Amtskollegen nachgehen, die nicht ausreichend mit den Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten. Wenn es Anhaltspunkte dafür gebe, dass «Bischöfe oder Ordensgemeinschaften nicht kooperationswillig zu sein» scheinen, bitte er um Information, sagte Ackermann am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung «Maybrit Illner». (dapd)

So viel kostete der katholischen Kirche der Missbrauch – bis jetzt

Irland in den letzten Jahren über Tausende Missbrauchsfälle unter dem Dach der Kirche ans Licht gekommen waren, wurden die Opfern mit insgesamt 750 Millionen Euro entschädigt. Die Zahlungen gingen an Menschen, die als Kinder in kirchlich geführten Schulen, Heimen und Krankenhäusern sexuell, körperlich oder seelisch misshandelt wurden.

USA wurden über 10 000 Fälle sexuellen Missbrauchs Kinder und Jugendlicher durch katholische Geistliche bekannt geworden, vor allem aus den 1940ern und bis in die 1990er Jahre. Im Juli 2007 erklärte sich die Erzdiözese von Los Angeles bereit, eine Entschädigung in Höhe von insgesamt 660 Millionen Dollar als aussergerichtlichen Einigung an rund 500 Kläger zu zahlen. Damit summierten sich die kirchlichen Entschädigungszahlungen auf rund zwei Milliarden US-Dollar (2,15 Milliarden Franken). Die hohe Entschädigungssummen haben viele Diözesen an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben - der Erzbischof von Boston sitzt seit 2004 nicht mehr in seiner Residenz, sondern in einer Mietwohnung.

(kle)

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