21.02.2018 09:25

Revolution im Vatikan

Papst lädt jungen Schweizer Atheisten ein

Sensation im Vatikan: Junge Atheisten und Kirchenkritiker werden vom Papst nach Rom eingeladen, um über das Thema Jugend zu sprechen. Drei Schweizer sind dabei.

von
J. Straub

Papst Franziskus will nicht nur wissen, wie gläubige junge Menschen ihr Leben gestalten und die Welt sehen, sondern auch die Ansichten von Nicht- oder Andersgläubigen sind ihm von Bedeutung. Darum lädt der Vatikan vom 19. bis zum 24. März junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren aus aller Welt ein. Zusammen werden die Teilnehmer in Rom über das Thema Jugend innerhalb und ausserhalb der Kirche diskutieren. Das ist eine Sensation für den Vatikan, denn die Ergebnisse sollen in die Jugendsynode im Herbst einfliessen. «Papst Franziskus baut bei der Erneuerung der Kirche ganz besonders auf die Jugend. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, ihn an der Synode persönlich zu beraten», so der Basler Bischof Felix Gmür. Martin Iten, der in der Kommission für Öffentlichkeit und Medien der Schweizer Bischofskonferenz und beim Weltjugendtag mitarbeitet, hat den Atheisten Sandro Bucher und den nicht praktizierenden, kritischen Katholiken Jonas Feldmann vorgeschlagen. Die Dritte im Bunde ist die gläubige Theologiestudentin Medea Sarbach, die direkt von der Schweizer Bischofskonferenz bestimmt wurde.

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Sandro Bucher ist Atheist. An der katholischen Kirche stört ihn, dass fortschrittsfeindlich und oftmals realitätsfern ist.

Sandro Bucher ist Atheist. An der katholischen Kirche stört ihn, dass fortschrittsfeindlich und oftmals realitätsfern ist.

jas
Jonas Feldmann hofft, dass kirchenkritische Christen in Rom eine Stimme haben.

Jonas Feldmann hofft, dass kirchenkritische Christen in Rom eine Stimme haben.

zvg
Die Theologiestudentin Medea Sarbach wünscht sich, dass die Kirche den Jugendlichen wieder näher kommt.

Die Theologiestudentin Medea Sarbach wünscht sich, dass die Kirche den Jugendlichen wieder näher kommt.

zvg

Sandro Bucher (25), Social-Media-Manager und Journalist aus Ebikon (LU)

Atheist

«Es freut mich, dass der Vatikan mittlerweile mehr Wert darauf zu legen scheint, auch kritische Stimmen von Kirchenfernen zu hören, denn diese machen faktisch gesehen einen immer grösseren Teil der Gesellschaft aus. An der katholischen Kirche stört mich, dass sie fortschrittsfeindlich und oftmals realitätsfern in gesellschaftliche Debatten eingreift. Wenn ich die Möglichkeit zum Gespräch mit dem Papst habe, werde ich ihm dafür danken, dass seine oftmals provokanten Aussagen zu Grundsatzdiskussionen in der Gesellschaft führen. Aber ich werde auch sagen, dass er seinen Fokus eher darauf richten sollte, den Schaden wiedergutzumachen, den die katholische Kirche anrichtet. Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Zugang zu Verhütungsmitteln, der Abtreibungspolitik oder den Grundrechten von Frauen und Homosexuellen. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass man sich mehr mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Heute aber werden Atheisten nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen Gläubige. Diese Vorurteile müssen abgebaut werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Deshalb versuche ich, trotz Unverständnis für viele Ansichten fair, aber kritisch zu bleiben.»

Jonas Feldmann (25), Medizinstudent aus Zug,

nicht praktizierender kritischer Katholik

«Ich fühle mich natürlich geehrt, als einer von drei Jugendlichen die Schweiz in Rom vertreten zu dürfen. Von dieser Einladung war ich anfangs aber ehrlich gesagt auch etwas überrascht – schliesslich bin ich weder in einer katholischen noch in einer atheistischen Gruppierung aktiv. Ich denke, ich wurde aber genau deshalb ausgewählt, quasi als ‹konstruktiver Kritiker› zwischen den Fronten. Ich bin katholisch und habe von meinen Eltern viele Werte vermittelt bekommen, die auf der christlichen Tradition aufbauen. Trotzdem kann ich mich als emanzipierter Schweizer des 21. Jahrhunderts mit der katholischen Kirche in vielen Punkten nicht identifizieren. Meine Kritik betrifft beispielsweise die Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche, die Benachteiligung von homosexuellen Paaren, den Umgang mit Verhütung, Abtreibung und Sterbehilfe. Ich vermute, dass ich mit diesem Hintergrund eine grosse Anzahl Jugendliche, denen es genauso ergeht, vertreten kann. Und es ist mir wichtig, dass diese in Rom eine Stimme haben. Es wäre schön, wenn kritische Botschaften der Jugend von der Kirche aufgenommen würden, damit sich die Kirche weiterentwickeln kann. Papst Franziskus möchte ich sagen, dass ich gern Teil der Kirche bin, dass ich aber nicht Mitglied einer Institution sein möchte, die Frauen benachteiligt, homosexuelle Liebe nicht als gleichwertig anerkennt und ihre Macht missbraucht, um auf Kosten anderer Reichtum zu generieren.»

Medea Sarbach (23), Theologiestudentin aus Freiburg,

praktizierende Katholikin

«Ich habe mich sehr gefreut, dass die Schweizer Bischöfe mir diese Aufgabe übergeben haben, und ich nun nach Rom zur Vorbereitungswoche fahren darf. Von dieser sogenannten Vorsynode erwarte ich Ideen, wie die christliche Botschaft Jugendliche wieder mehr erreichen und ihnen in ihren Herausforderungen helfen kann. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Kirche die Lebenssituationen der Jugendlichen sieht und dort hilft, wo die Jugendlichen es brauchen. Ich finde es gut und wichtig, dass auch Kritiker bei der Vorsynode dabei sind. Dies ist sicher eine grosse Bereicherung. Von der Jugendsynode im Herbst erhoffe ich mir, dass die Kirche den Jugendlichen wieder näher kommt und ihnen hilft, ein erfülltes Leben zu finden. Durch die Kirche konnten bereits sehr viele Menschen Gottes Liebe erfahren und Halt im Leben finden. Ich vertrete das Motto: Jeder Christ gehört zur Kirche und ist aufgefordert, christlich zu leben. Wenn ich die Möglichkeit habe, mit dem Papst zu sprechen, werde ich ihm buenos días oder buenas tardes sagen.»

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