26.10.2016 16:41

50 Shades of GreenParis vergibt die «Lizenz zum Pflanzen»

Paris schickt sich an, Grünpflanzen-Meister zu werden. Seit dreieinhalb Monaten dürfen die Einwohner den öffentlichen Raum begrünen, wo immer sie wollen.

von
D. Gschweng
1 / 6
Paris soll grüner, Hobbygärtner zum Pflanzen animiert werden: Das neue Natur-Projekt in Paris.

Paris soll grüner, Hobbygärtner zum Pflanzen animiert werden: Das neue Natur-Projekt in Paris.

francebleu.fr
Jeder Bürger in Paris kann sich eine Bewilligung abholen und einen Platz seiner Wahl bepflanzen. Ausgenommen sind lediglich bereits bepflanzte Plätze wie Parks.

Jeder Bürger in Paris kann sich eine Bewilligung abholen und einen Platz seiner Wahl bepflanzen. Ausgenommen sind lediglich bereits bepflanzte Plätze wie Parks.

City of Paris
So wird das neue Projekt den Parisern vorgestellt: Seid kreativ!

So wird das neue Projekt den Parisern vorgestellt: Seid kreativ!

City of Paris

Seit dem ersten Juli vergibt Paris Lizenzen zur Bepflanzung der Stadt. Eine wirklich coole Idee – nicht nur deshalb, weil «Permis de Végétaliser» auf Englisch «License to Vegetate» heisst. Das Programm zur Stadtbegrünung ist so erfolgreich, dass es sogar US-Touristik-Portalen schon aufgefallen ist.

Pflanzen dürfen die Einwohner und Einwohnerinnen von Paris nun fast überall – ausgenommen sind nur Parks und bereits bepflanzte Plätze. Wer Trottoir, Dach, Fassade oder einen anderen Teil des öffentlichen Raums begrünen will, muss lediglich einen kurzen Antrag bei der Stadt einreichen. Die urbanen Gärtner müssen sich verpflichten, einheimische Pflanzen zu verwenden und keine Pestizide zu benutzen. Bienenfreundliche Pflanzen sind gern gesehen.

100 Hektaren mehr Grün für Paris

Ein Paket mit Samen und Pflanzerde sowie fachliche Unterstützung gibt es auf Wunsch dazu. Fast 200 Vorschläge seien schon im ersten Monat eingegangen, jubelte der Blog «Ça se passe au Jardin» am 07. August.

Die «Licence to vegetate» wird für drei Jahre vergeben. Das Ziel der Pariser Regierung: die Dächer, Mauern und Flächen der Stadt bis zum Jahr 2020 um 100 Hektaren Grünfläche zu erweitern, ein Drittel davon durch Urban Gardening. Das ist gut für Stadtklima und Lebensqualität. Grüne Pflanzen schlucken Staub und Lärm, sie machen die Luft kühler und angenehmer. Begrünte Strassenschluchten, um die sich sichtbar jemand kümmert, sehen ansprechender und wohnlicher aus.

«Das haben wir schon»

Das Pariser Begrünungs-Programm ist Teil eines umfassenden Plans, Frankreich umweltfreundlicher zu machen. Paris hat seit kurzem einen autofreien Sonntag im Monat. Bei Industrie-Neubauten in ganz Frankreich sind Solarpanels und Begrünung inzwischen Vorschrift. Das Wegwerfen von noch essbaren Lebensmitteln («Food Waste») wurde verboten, Plastikgeschirr ist nicht mehr erlaubt.

Wäre eine Begrünungskur wie in Paris nicht auch etwas für die Schweiz? Es sieht nicht danach aus. Zumindest in den Deutschschweizer Städten Zürich und Basel sieht man für Programme wie in Paris wenig Bedarf.

«Das haben wir doch schon» lautet der Tenor in beiden Städten. In beiden gebe es eine grosse Anzahl an Familiengärten, wird argumentiert. In Basel kämen noch der Gemeinschaftsgarten Landhof, einige Einzelinitiativen und die Baumpatenschaften der WGO dazu, bei dem Anwohner den Grünbereich um einen Alleebaum betreuen können.

Stadt Zürich: «Wer will, kann sich melden»

In Zürich gab es bisher Einzelaktionen. Zum Beispiel im Jahr 2013, als die Stadt Zürich Samenpakete an Einwohner verteilte. «Die Situation von Paris mit Zürich zu vergleichen, ist schwierig», findet Marc Werlen von der Fachstelle Kommunikation des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich.

Sowohl Zürich wie Basel seien bereits sehr viel grüner als Paris, aber eben auch viel kleiner. Den Verwaltungs- und Betreuungsaufwand für ein umfassendes Programm wie in Paris sieht er als zu gross an. Eigeninitiative werde von der Stadt unterstützt.

«Wenn jemand eine Grünfläche bepflanzen will, kann er sich beim Grünflächenverwalter melden», gibt Werlen Auskunft. Denn Beratung muss sein: Alles pflanzen dürfe man nicht. Wenn das frische Grün zum Beispiel so gross werde, dass es die Sichtverhältnisse im Strassenverkehr verschlechtere, müsse die Stadt es, kaum gewachsen, wieder abschneiden.

Vielen Hobbygärtnern fehle es an Biss

Yvonne Aellen, Leiterin Grünflächenunterhalt in Basel-Stadt, sieht gar kein Bedürfnis der Einwohner an mehr gärtnerischen Aktivitäten: «Die Bedürfnisse, die wir in Basel haben, können wir abdecken», sagt sie. Und noch etwas anderes gibt sie zu bedenken: Hobbygärtnern fehle es ihrer Erfahrung nach oft an Biss, ein Urban-Gardening-Projekt auch eine Weile durchzuziehen. «Viele anfangs enthusiastisch begonnene Projekte verwaisen», hat sie beobachtet.

Sie sind eher kein Stadtgärtner? Hier finden Sie Wohnungen und Häuser mit eigenem Garten:

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.