Aktualisiert 05.10.2004 14:06

Parmalat: «Prozess der Mysterien»

Eine der spektakulärsten Firmenpleiten liegt jetzt in der Hand des Richters. Beim italienischen Lebensmittelriesen Parmalat ist noch vieles unklar. Hohe Schadenersatzforderungen liegen vor.

Zugleich markiert der Beginn der Vorverhandlungen eine Art Hoffnungsschimmer.

Eine letzte Hoffnung für Tausende geprellter Kleinanleger, die jetzt Gerechtigkeit suchen - und wenigstens einen Teil ihrer verlorenen Gelder zurück wollen. Doch ob ihnen das gelingt, liegt derzeit noch ebenso im Dunkeln wie viele andere Geheimnisse des Parmalat-Skandals.

Fälschungen und Verstrickungen

Fest steht derzeit nur eins, und zwar die Höhe des Schuldenbergs von 14,3 Mrd. Euro. Viel haben die Richter zu klären: Etwa wie genau die Bilanzen gefälscht wurden, welche Rolle die internationalen Bonds bei dem Mega-Schwindel spielten.

Klärungsbedürftig ist auch, inwieweit Grossbanken und mögliche stillschweigende Helfer verstrickt waren. Und: Warum die italienischen Finanzbehörden nicht schon früher Wind bekamen. «Prozess der Mysterien», titelte die Mailänder Zeitung «Corriere della Sera».

Auf der Anklagebank bei einer Hauptverhandlung sitzen künftig möglicherweise 32 ehemalige Manager und Banker, darunter Parmalat- Gründer Calisto Tanzi, sein Sohn Stefano und der ehemalige Finanzchef Fausto Tonna sowie Vertreter von drei Institutionen: Der Bank of America, die den Skandal Ende 2003 ins Rollen gebracht hatte, sowie der Revisionsgesellschaften Deloitte & Touche und Grant Thornton.

Es geht um Kursmanipulation, Verbreitung falscher Finanzinformationen sowie die Behinderung der italienischen Börsenaufsichtsbehörde Consob.

Fall lange unterschätzt

Die italienische Zentralbank und Consob haben den Fall lange unterschätzt. Jetzt sollen die Kontrollsysteme der italienischen Finanzaufsicht gestärkt werden.

Ermittlungen ergaben, dass Tanzis Konzern schon seit den 80er- Jahren in den roten Zahlen war. Nur waren die Bilanzfälschungen und Geld-Verschiebungen ins Ausland so geschickt eingefädelt, dass Parmalat immer neue Kredite bekam. «Eine Schuldenfabrik mit stetig wachsendem Minus», hiess es.

Der eigentliche Prozess könnte noch vor Jahresende beginnen, heisst es unterdessen. Das hoffen auch die geprellten Kleinanleger- 135 000 sollen es allein in Italien sein.

Grossbanken im Visier

Bereits im August hatte Insolvenz-Verwalter Enrico Bondi mehrere Grossbanken, darunter die UBS, die Bank of America und die Deutsche Bank auf Schadenersatz verklagt. Allein von der US-Bank Citigroup fordert der neue Parmalat-Chef wegen betrügerischen Bankrotts zehn Milliarden Dollar Schadenersatz.

Erst am Wochenende erklärte Ex-Finanzchef Tonna in einem Interview: «Schuld an dem Zusammenbruch hat vor allem Calisto. Nach zwei Jahren falscher Verkaufsvoraussagen hätte ein ehrliches Unternehmen die Verantwortlichen entlassen müssen. Aber angesichts schlechter Nachrichten zuckte er immer nur mit den Schultern.»

(sda)

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