Aktualisiert 26.05.2013 13:40

«Tanz dich frei»

Party und Zerstörung an Berner Tanzdemo

Wüste Szenen bei der Party-Demo «Tanz dich frei»: Was friedlich begann, artete in Gewalt aus. Eine kleine Gruppe von Chaoten richtete grosse Schäden an, 20 Polizisten wurden verletzt.

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am/jbu/rey

Bei der Strassendemonstration «Tanz dich frei 3» ist es zu wüsten Szenen gekommen. Nach 2 Uhr nahmen rund 70 Randalierer die ganze Gegend um den Berner Bahnhof auseinander. Überall gingen Scheiben zu Bruch, es herrschte eine unglaubliche Zerstörungswut. Die Chaoten lieferten sich in der verwinkelten Innenstadt ein Katz- und Mausspiel mit der überforderten und unterbesetzten Polizei.

Die Berner Kantonspolizei schätzt die Schäden nach der Protestkundgebung «Tanz dich frei» und den damit verbundenen Strassenschlachten auf mehrere hunderttausend Franken. Die Gewaltbereitschaft sei sehr hoch gewesen, schrieb die Polizei in einer ersten Bilanz. Unter den Verletzten waren 20 Kantonspolizisten und ein Mitarbeiter der Transportpolizei, der im Gesicht verletzt worden war.

Organisatoren geben Polizei Mitschuld

Die Mehrheit der rund 10'000 Teilnehmer von «Tanz dich frei» sei friedlich geblieben, schrieb die Berner Kantonspolizei in einer ersten Bilanz vom Sonntagmorgen. Kleine vermummte Gruppen hätten sich aber gegenüber Polizisten, Feuerwehrleuten und Angehörigen der Sanitätspolizei gewaltbereit gezeigt.

«Ich bin schockiert, das alles macht keinen Sinn. Wir wollten doch nur friedlich tanzen», so ein Partyteilnehmer. Da die Vermummten am Anfang des Partyzuges marschierten, funktionierte die soziale Kontrolle diesmal nicht. Ein schwarzer Abend für Bern, es waren die schlimmsten Ausschreitungen seit vielen Jahren.

Die chaotischen Szenen dauerten etwa bis vier Uhr morgens an, dann beruhigte sich die Lage wieder. Um diese Zeit war immer noch ein grosser Teil der Demonstranten, etwa bei der Reitschule, zur Musik der Soundwagen am tanzen – wie sie es auch während den Ausschreitungen getan hatten.

Die Organisatoren der Tanzdemo gaben der Polizei eine Mitschuld an der Gewalt-Eskalation. Diese habe wegen ein paar weniger Chaoten mit Gummischrot und Tränengas auf die ganze Menge geschossen, die in Panik geriet. Das habe viele Teilnehmer wütend gemacht und dazu bewogen, sich zu wehren.

Beim Bundeshaus gings los

Die Eskalation der Gewalt begann nach Mitternacht, als vermummte Demonstranten versuchten, den Zaun zum abgesperrten Bundeshaus zu durchbrechen. Die anwesende Polizei antwortete mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummischrot. Demonstranten warfen unter anderem Schachfiguren und Flaschen auf die Polizisten.

Später gingen die Scharmützel beim Berner Bahnhof weiter. Auch hier kam es zu wüsten Ausschreitungen. Unter anderem schlugen Demonstranten die Scheiben des Luxushotels Schweizerhof ein – schon vorher waren Geschäfte in der ganzen Innenstadt beschädigt worden.

Bei den Zusammenstössen sind mehrere Menschen verletzt worden. «Es ist wie im Krieg», sagt eine Augenzeugin zu 20 Minuten. Zeitweise ist ein beträchtlicher Teil der Innenstadt im Tränengas versunken.

Während mindestens einer Stunde versuchte eine kleine Gruppe vermummter Personen immer wieder in Richtung Bundeshaus vorzustossen, bevor sich die Scharmützel zum Bahnhof verlagerten. Sie schleppten Latten und Absperrgitter mit sich. Die Polizei reagierte auf die Vorstösse jeweils mit Tränengas, worauf die Vermummten sich wieder etwas zurückzogen.

Fassaden verschmiert

Im Rahmen des Umzugs sind zahlreiche Gebäude beschädigt worden. Die Randalierer versprayten die Fassade einer Starbucks- und einer Julius-Bär-Filiale, auch SBB-Immobilien wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Ambulanzfahrzeug bahnte sich am Abend den Weg durch die Menschenmasse - offenbar hatte sich im Gewühl jemand verletzt. Für Aufsehen sorgten auch maskierte Demonstranten, die das Allianzgebäude beziehungsweise den Baldachin des Bahnhofs erklommen und in luftiger Höhe rote Leuchtfakeln zündeten.

Friedlich begonnen(Video: 20 Minuten/am)

Dabei hatte der Umzug relativ friedlich begonnen. Schon Stunden vor Beginn des Umzugs scharten sich tausende Personen um die Sound-Mobile, tranken und feierten. Aktivisten verteilten Traktate, welche die «Aufwertungs- und Sicherheitspolitik» der Behörden in Frage stellten. Unter den Demonstranten waren schon zu diesem Zeitpunkt mehrere Autonome in schwarzen Kapuzenpullovern, die auf einem Transparent die Forderung «besetzen statt besitzen» präsentierten.

Aufgerufen zur Kundgebung hat ein Kollektiv, das mit der Tanzparade Freiräume einfordern und ein Zeichen gegen den allgegenwärtigen «Kommerz» setzen will. So heisst es auf anderen Transparenten denn auch «Freiheit erkämpfen - nicht nur tanzen» oder «Mach mal Plazz».

Letztes Jahr kamen 20'000

Kundgebungen unter dem Motto «Reclaim the Streets» gibt es in Bern schon seit vielen Jahren. 2011 ging erstmals ein Anlass unter dem Titel «Tanz dich frei» über die Bühne. Damals kamen etwa 400 Menschen. 2012 waren es bei «Tanz dich frei II» bei schönem Frühsommerwetter mindestens 10'000.

In der Nacht auf Sonntag waren es nun laut Polizeischätzungen 7000 Leute. 13'700 User hatten auf Facebook angekündigt, an der Kundgebung teilnehmen zu wollen. Die Organisatoren der Demo sprachen von mehr als 10'000 Teilnehmern.

Der Aufruf der Party-Demonstranten:

(am/jbu/rey/sda)

Stellungnahme der Organisatoren

Am frühen Sonntagmorgen haben sich die anonymen Organisatoren der «Tanz dich frei»-Demo mit einem Communiqué auf Facebook zu Wort gemeldet: Sie bedauern darin, dass die Veranstaltung nicht friedlich zu Ende ging. Die Schuld dafür geben sie der Polizei: «Der Ausgang der Demo passt zur Hetzkampagne von Reto Nause im Vorfeld, die eine bewusste Eskalation beinhaltete», schreiben sie.

Die Polizei habe mit dem Einsatz von Tränengas die Lage eskalieren lassen. Zudem werfen die Organisatoren der Polizei vor, eine hohe Anzahl von Verletzten in Kauf genommen zu haben. «Der Schutz des Bundeshaus war wichtiger als derjenige von Tausenden von Menschen», heisst es.

Der Berner Polizeidirektor Reto Nause wird heute um 14 Uhr Stellung nehmen zu den Vorwürfen. 20 Minuten berichtet live. (fum)

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