Eklat : Pascal Gentinetta verlässt Economiesuisse
Aktualisiert

Eklat Pascal Gentinetta verlässt Economiesuisse

Economiesuisse-Chef Pascal Gentinetta tritt zurück. Die Vizedirektoren der Wirtschaftslobby haben sich nach dem Abstimmungsdebakel gegen ihren Chef gestellt. Auch Präsident Wehrli wankt.

von
Lukas Hässig
Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta tritt von der Spitze des Wirtschaftsdachverbands zurück.

Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta tritt von der Spitze des Wirtschaftsdachverbands zurück.

Pascal Gentinetta gab sich nach der Jahrhundertniederlage bei der Abzockerabstimmung gelassen. Man habe zuvor mehrere Abstimmungen in Wirtschaftsfragen für sich entschieden, jetzt habe es halt mal eine Niederlage abgesetzt, meinte der Chef von Economiesuisse.

Die Coolness war entweder gespielt, oder Gentinetta lebt auf einem anderen Planeten. Jedenfalls braute sich bereits damals ein Sturm über dem Kopf des obersten Wirtschaftslobbyisten des Landes zusammen. Der Rückhalt in seinem Team schwand von Tag zu Tag.

Rücktritt mitten in der Krise

Jetzt hat es Gentinetta erwischt. Heute wird der Dachverband der Wirtschaft den Rücktritt seines Direktors bekanntgeben. Das hat 20 Minuten aus Insiderkreisen erfahren.

Der Grund liegt im Misstrauen des obersten Kaders gegenüber dem operativen Chef. Gentinetta überzeuge offenbar seine eigenen Leute nicht mehr.

Rudolf Wehrli hat Kontrolle verloren

Unterstützung vom Präsidium bekam Gentinetta offenbar keine mehr, sagt eine Quelle. Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli habe die Kontrolle über die Organisation verloren. Auch er soll dem Vernehmen nach demnächst als Präsident zurücktreten.

Dabei wäre die Wirtschaftslobby so gefordert wie schon lange nicht mehr. Zahlreiche Urnengänge mit zentralen Wirtschaftsfragen stehen vor der Tür. Die Linke will die Schraube anziehen und mehr Umverteilung denn je. Die 1:12-Initiative soll die tiefen Löhne nach oben und die hohen nach unten bringen. Eine Abwanderung von Unternehmen wie Glencore droht.

Einst der achte Bundesrat – heute eine Lobby wie viele

Unter Gentinetta hat Economiesuisse den angestrebten Turnaround nicht geschafft. Das war das oberste Ziel. Der Verband hätte wieder zu einer einflussreichen Frontorganisation der Wirtschaft werden sollen, die Abstimmungen für die Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Schweiz gewinnen könnte.

Früher war die Macht des Wirtschaftsdachverbands fast beängstigend gross. Der Vorort, wie Economiesuisse einst geheissen hatte, galt als achter Bundesrat. Quasi im Vorzimmer der obersten politischen Behörde konnten die Lobbyisten der Wirtschaft dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für Finanzbranche und Industrie günstig waren.

Mit dem Niedergang des Freisinns verlor auch die in Economiesuisse umgetaufte Wirtschaftslobby an Bedeutung. Der Verband wurde zu einer wichtigen Wirtschaftskraft, aber ohne Aussicht auf die einstige Machtposition.

Bührers Fehlgriff

Unter dem freisinnigen Schwergewicht Gerold Bührer konnte sich die Economiesuisse etwas erholen. Sie gewann mehrere Abstimmungen. Mit Gentinetta setzte Bührer aber aufs falsche Pferd. Er hatte den Romand vor sechs Jahren zum Nachfolger des scheidenden Rudolf Ramsauer gemacht. «Es handelt sich um einen eigentlichen Generationenwechsel», sagte Bührer damals.

Wie es nun weitergeht, ist offen. Laut einer Quelle kommt es bei der Economiesuisse heute Vormittag zu einem Krisenmeeting. Wer Gentinetta beerbt, ist noch nicht bekannt. Üblich in solchen Krisenfällen ist eine interne Übergangslösung und eine Suche nach einer neuen Person. Diese kann von innen oder aussen kommen.

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