Chaos am Flughafen von Mallorca – Passagier zwang Flieger zur Notlandung – eine neue illegale Einreisemethode
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Chaos am Flughafen von MallorcaPassagier zwang Flieger zur Notlandung – eine neue illegale Einreisemethode

Auf Mallorca sucht die Polizei noch zwölf Passagiere, die die Zwischenlandung eines marokkanischen Flugzeugs zum Aussteigen genutzt hatten. Es handelt sich offenbar um eine neue Strategie, um Europa zu erreichen – günstig und ungefährlicher als die Flüchtlingsboote der Menschenhändler.

von
Karin Leuthold
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Auf Mallorca hat die Polizei bis am Morgen des 6. November elf von 23 Passagieren in Gewahrsam genommen, die am Vorabend aus einer marokkanischen Passagiermaschine ausgestiegen und auf die Rollbahn gelaufen waren. 

Auf Mallorca hat die Polizei bis am Morgen des 6. November elf von 23 Passagieren in Gewahrsam genommen, die am Vorabend aus einer marokkanischen Passagiermaschine ausgestiegen und auf die Rollbahn gelaufen waren.

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Auf dem Flughafen in Palma ging nach dem Chaos nichts mehr: Der Flughafenbetreiber hatte wegen der Menschen auf dem Rollfeld für mehr als drei Stunden alle Starts und Landungen stoppen müssen.

Auf dem Flughafen in Palma ging nach dem Chaos nichts mehr: Der Flughafenbetreiber hatte wegen der Menschen auf dem Rollfeld für mehr als drei Stunden alle Starts und Landungen stoppen müssen.

20min/Leser-Reporter
Die Behörden schlossen nicht aus, dass es sich um eine geplante Aktion einer Gruppe von Passagieren gehandelt haben könnte, die die Notlandung absichtlich herbeigeführt hätten, um illegal nach Spanien zu kommen. Handfeste Beweise gebe es dafür aber bisher nicht, sagte Aina Calvo von der Delegation der Zentralregierung auf den Balearen. 

Die Behörden schlossen nicht aus, dass es sich um eine geplante Aktion einer Gruppe von Passagieren gehandelt haben könnte, die die Notlandung absichtlich herbeigeführt hätten, um illegal nach Spanien zu kommen. Handfeste Beweise gebe es dafür aber bisher nicht, sagte Aina Calvo von der Delegation der Zentralregierung auf den Balearen.

AFP

Darum gehts

  • Eine Passagiermaschine aus Marokko musste am Freitagabend wegen eines angeblichen medizinischen Notfalls an Bord zwischenlanden.

  • Aber der Kranke ist gesund.

  • Passagiere liefen auf das Rollfeld und verschwanden in der Nacht.

Was sich am Freitagabend am Flughafen von Mallorca abspielte, war erstmalig. Doch das Phänomen hat in spanischen Medien bereits einen Namen bekommen: «patera aérea» - übersetzt etwa «Flüchtlingsflug». Denn statt mit einem «Flüchtlingsboot» - einer klassischen «patera» - erreichten diesmal 23 Migranten aus Nordafrika den europäischen Kontinent per Flugzeug. Günstig, bequem, sicher und mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.

Ob ein Plan dahinter steckte, müssen die Behörden noch klären. Gewiss ist, dass es sich für zwölf Passagiere gelohnt hat - sie wurden bis anhin von der spanischen Polizei nicht gefasst. Die mehrheitlich jungen Menschen sassen in einer Air Arabia Maroc-Maschine von Casablanca nach Istanbul, als kurz nach Abflug ein 32 Jahre alter Marokkaner einen diabetischen Schock simulierte.

«Die Besatzung hat sie nicht stoppen können»

Der Passagier wusste ganz genau: Der Captain wird im nächstmöglichen Flughafen eine Notlandung einlegen. Tatsächlich setzte die Maschine am Flughafen Son Sant Joan in Palma de Mallorca um 18.51 Uhr auf, auf einer abgelegenen Piste mit wenig Verkehr und fast ohne Polizei.

Minuten später kam schon eine Ambulanz mit ärztlichem Personal. Die Crew des Airbus A-320, bestehend aus einem Maître de Cabine und drei Flight Attendants, öffnete die Tür. Während der Arzt den angeblich erkrankten Marokkaner versorgte, standen über 20 Personen plötzlich auf und rannten zur Tür. «Geht zurück, lasst uns unsere Arbeit machen», riefen die Sanitäter und Sanitäterinnen. Doch die Passagiere drängten sich weiter vor, stiegen über die Treppe aus und rannten schliesslich kreuz und quer über das Rollfeld, um den besten Fluchtweg aus dem Flughafenareal zu finden. Sie kletterten in der Dunkelheit über den Zaun und waren verschwunden.

«Die Besatzung hat sie wohl nicht stoppen können - zumal sie auf solche Situationen gar nicht vorbereitet ist», meint der pensionierte Maître de Cabine Jorge Carrillo gegenüber dem Radiosender Cadena Ser.

«Kranker» Passagier verhaftet, Begleiter verschwunden

Der «Patient» wurde mit der Ambulanz in das Spital Son Llàtzer eingeliefert, ein Begleiter und die Guardia Civil waren dabei. Nach einigen Tests und Untersuchungen stand für die Ärzte und Ärztinnen fest: Der Mann ist kerngesund. Um 23 Uhr wurde er von der Polizei festgenommen. Gegen ihn besteht Verdacht auf Begünstigung illegaler Einwanderung und des Verstosses gegen das spanische Ausländergesetz. Sein Begleiter nutzte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit, um abzuhauen.

Kurz nach Mitternacht fasste die Guardia Civil ein Dutzend Geflohene. Einige von ihnen waren mehrere Kilometer gegangen. Um 2.20 Uhr startete die Air Arabia Maroc-Maschine wieder Richtung Türkei - es fehlten 24 Passagiere. Denn im Chaos war ein weiterer Mann an Bord ausgerastet und wurde von den Streitkräften festgenommen.

War es eine organisierte Aktion?

Die spanischen Behörden schliessen zu dieser Stunde nicht aus, dass es sich um eine geplante Aktion einer Gruppe von Passagieren gehandelt haben könnte, die die Notlandung absichtlich herbeigeführt hätten, um illegal nach Spanien zu kommen. Handfeste Beweise gebe es dafür aber bisher nicht, sagte Aina Calvo von der Delegation der Zentralregierung auf den Balearen.

So einen Vorfall habe es ihres Wissens nach noch nie in Spanien gegeben und deshalb seien die Behörden bei der Einschätzung sehr vorsichtig und ermittelten in alle Richtungen, sagte Calvo. Jedes Jahr riskieren Tausende Menschen ihr Leben, um in kleinen Booten von Nordafrika aus über das Mittelmeer nach Spanien zu gelangen.

Was passiert mit den Festgenommenen?

Die aus dem Flugzeug ausgestiegenen Migranten würden nun so behandelt, wie Menschen, die auf kleinen Booten unter Lebensgefahr aus Nordafrika über das Mittelmeer nach Spanien kommen, sagte die Polizei. Diese werden registriert und kommen in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Dann wird ein Verfahren zur Rückführung in das Herkunftsland eröffnet, das durch einen Antrag auf Asyl oder Gewährung von Schutz als Flüchtling gestoppt werden kann.

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