Aktualisiert 26.04.2020 09:17

Trotz Lockdown-Lockerung

Patienten mit Schmerzen müssen auf Eingriff warten

Der Bund hat am 17. März Spitälern die nicht lebenswichtigen Operationen verboten. Betroffene Patienten leiden seither teilweise unter massiven Schmerzen.

von
Nicole Ulrich
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Einige Spitäler mussten in den letzten Wochen auf Grund der Covid-19-Verordnung 50 bis 90% der geplanten Operationen absagen.

Einige Spitäler mussten in den letzten Wochen auf Grund der Covid-19-Verordnung 50 bis 90% der geplanten Operationen absagen.

KEYSTONE/Anthony Anex
Auch wenn in Ausnahmefällen auch während des Lockdowns operiert wurde, die Liste der Patienten, die auf ihre Behandlung warten, ist und bleibt lang.

Auch wenn in Ausnahmefällen auch während des Lockdowns operiert wurde, die Liste der Patienten, die auf ihre Behandlung warten, ist und bleibt lang.

KEYSTONE/Gaetan Bally
Weil die nicht lebenswichtigen Operationen vom Bund verboten wurden, kam es in verschiedenen Spitälern zu einer markanten Reduktion des Arbeitsvolumens. So mussten einige Kliniken Kurzarbeit anmelden.

Weil die nicht lebenswichtigen Operationen vom Bund verboten wurden, kam es in verschiedenen Spitälern zu einer markanten Reduktion des Arbeitsvolumens. So mussten einige Kliniken Kurzarbeit anmelden.

KEYSTONE/Gaetan Bally

Die Covid-19-Verordnung des Bundes verbietet Spitälern, Kliniken und Arztpraxen chirurgische Eingriffe und Behandlungen, die als nicht lebenswichtig gelten. Einige Spitäler mussten in den letzten Wochen deshalb 50 bis 90 Prozent der geplanten Operationen absagen. Patienten leiden teils stark unter dieser Situation.

Denn, auch wenn eine Operation nicht lebenswichtig ist, kann sich der Zustand einer Person verschlechtern, wie der Fall einer Patientin zeigt: «Meine angesetzte Rückenoperation wurde wegen der Corona-Krise verschoben. Durch die Versteifung zweier Wirbel sollten sich meine Schmerzen reduzieren», sagt sie zu 20 Minuten. «Jetzt leide ich sehr unter den starken Schmerzen. Ich kann kaum schlafen, kann mich nicht entspannen, kann auch nicht in die Physiotherapie. Das ist eine deutliche Einschränkung meiner Lebensqualität.»

Offenbar genügt diese Einschränkung der Lebensqualität aber nicht für eine ausserordentliche Operation. Obwohl viele Spitäler auch in den letzten Wochen Operationen durchführten, wie Marcel Bundi, Chefarzt Chirurgie im Regionalspital Surselva in Ilanz, erklärt: «Mit einigen Patienten standen wir in den vergangenen Wochen in regelmässigem Austausch, um den Leidensdruck zu erfragen. Wenige Operationen mussten trotz Lockdown aufgrund der zunehmenden Symptome oder drohenden Komplikationen durchgeführt werden.»

Auch in Bern wurde operiert, sagt George Thalmann, Chefarzt und Direktor Universitätsklinik für Urologie: «Patienten mit hohem Leidensdruck durch Schmerzen wurden wenn immer möglich behandelt. Andere Leidensgründe konnten leider wenig oder kaum berücksichtigt werden.»

Wer wird zuerst behandelt?

Der Bund hat grünes Licht gegeben, dass ab Montag sogenannte Wahleingriffe wieder durchgeführt werden dürfen. Auch wenn in Ausnahmefällen bereits in den letzten Wochen operiert wurde, die Liste der Patienten, die auf ihre Behandlung warten, ist und bleibt lang. Wer also wird nun zuerst behandelt?

Im Spital Männedorf ist ein Gremium von Fachleuten dafür zuständig, die Reihenfolge festzulegen. George Thalmann von der Universitätsklinik für Urologie in Bern wird etwas konkreter: «Zu Beginn der Pandemie wurde in Absprache mit der Spitalleitung eine Einteilung mit Priorisierung der Eingriffe verabschiedet. Nach wie vor werden Notfälle und Eingriffe, die sich mit Aufschub negativ auf das Überleben auswirken, prioritär durchgeführt. Wahleingriffe werden nach Dauer auf der Warteliste, Beschwerden und Schweregrad aufgeboten».

Je nachdem kann das Warten auf eine Operation also noch länger dauern – vor allem, wenn der Eingriff nicht dringlich ist. Ob eine Person Schmerzen hat, ist beim Entscheid, ob sie operiert, wird nur ein Entscheidungsfaktor, sagt Markus Hauser, CEO des Spital Glarus: «Die behandelnden Ärzte werden nach medizinischen Kriterien entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Dabei kann der Schmerz einer von mehreren Indikatoren sein.»

Überlastung der Spitäler möglich

Weil die nicht lebenswichtigen Operationen vom Bund verboten wurden, kam es in verschiedenen Spitälern zu einer markanten Reduktion des Arbeitsvolumens. So haben unter anderem das Kantonspital Zug oder auch die Hirslanden-Gruppe Kurzarbeit eingeführt. Wird das Verbot ab Montag gelockert, könnten die Kapazitäten der Spitäler an ihre Grenzen stossen.

Philipp Lutz, Medienbeauftragter des Kantonsspitals St.Gallen, meint dazu: «Die Personalplanung ist wichtig. Unser Ziel ist es, alles koordiniert miteinander hochzufahren, damit wir ab dem 27. April möglichst bald wieder in den Normalbetrieb übergehen können.»

Auch im Spital Männedorf setzt man alles daran einer Überlastung entgegenzuwirken, wie Michèle Belviso, Sprecherin des Spitals Männedorf, sagt: «Ein Teil unserer Ressourcen war während der Fokussierung auf die COVID-19-Patienten eher unterbeschäftigt und könnte beim Abarbeiten der Warteliste tatsächlich stark belastet werden. Wir planen den Übergang daher so, dass es nicht zu einer Überlastung kommt.»

Ähnlich klingt es beim Universitätsspital Basel: «Das USB wird gestaffelte Termine vergeben. Bei der Terminvergabe werden die medizinische Dringlichkeit und bei den nicht dringlichen Eingriffen die terminlichen Möglichkeiten der Patienten berücksichtigen. Wichtig ist für die Patienten, dass man ihnen erklärt, wie dringlich es ist oder dass man sie baldmöglichst aufbietet», meint USB-Mediensprecher Nicolas Drechsler. Bis in den Spitälern wieder Normalbetrieb herrscht, braucht es aber auf jeden Fall auf allen Seiten noch etwas Geduld. Zumal nach wie vor gewährleistet werden muss, dass immer genügend Platz für Corona-Patienten vorhanden ist.

Verbot der nicht lebensnotwendigen OPs

Mit der Covid-19-Verordnung vom 17. März hat der Bundesrat den Spitäler und Kliniken verboten, Operationen, die nicht lebensnotwendig sind, durchzuführen. Damit sollte gewährleistet werden, dass alle verfügbaren Ressourcen (Infrastruktur, Personal, Medikamente, etc.) für die Behandlung von Coronavirus-Patienten zur Verfügung stehen.

Ab dem 27. April dürfen auf Weisung des Bundesrats wieder sämtliche Behandlungen, Sprechstunden und Eingriffe vorgenommen werden. Alle bestehenden Vorsichtsmassnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus müssen aber weiterhin strikte eingehalten werden.

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