Pechschwarze Liebe
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Pechschwarze Liebe

Am Theater St. Gallen ist die neue Saison am Freitag mit Gaetano Donizettis Operndrama Lucia di Lammermoor eröffnet worden.

Die Produktion war musikalisch beeindruckend. Die Inszenierung blieb blass.

Diese Geschichte kann kein gutes Ende nehmen: Die Blicke ins Innere von Schloss Ravenswood wandern über einen verwilderten Friedhof. Umgestürzte Grabsteine und verwelkte Blätter liegen da. Die Stube ist pechschwarz gestrichen und mit einem einzigen, langgezogenen Tisch ausgestattet.

Regisseur Stafano Vizioli lässt sämtliche drei Akte in dieser bedrückenden Atmosphäre (Bühne: Allen Moyer) spielen. Es ist nicht der Rahmen, wo Versöhnung stattfinden kann, obwohl sie könnte. Edgardo möchte mit seinem Erzfeind Enrico Frieden schliessen, weil er dessen Schwester Lucia heiraten möchte.

Doch Enrico kann und will sich nicht versöhnen. Wegen finanzieller Sorgen möchte er Lucia mit dem einflussreichen Lord Arturo Bucklaw verheiraten. Edgardo und Lucia schwören sich die ewige Liebe. Als Edgardo das Land verlässt, spinnt Enrico in dessen Rücken heimlich eine Intrige.

Konzentration bei der Musik

Enrico schreibt einen gefälschten Brief, wonach Edgardo seinen Treueschwur gebrochen hat. Verstört, weil tief getroffen, willigt Lucia schliesslich in die Hochzeit mit Lord Bucklaw ein. Auf der Hochzeit taucht Edgardo auf. Alte Wunden brechen auf. Enrico und Edgardo vereinbaren ein Duell, während Lucia langsam in den Wahnsinn gleitet.

Die Inszenierung von Regisseur Stefano Vizioli bleibt blass. Den Figuren gibt er spärlichen Handlungs- und Bewegungsspielraum. Das Positive daran: Die Sänger können sich ganz auf ihre Partien konzentrieren, während der Zuschauer sich visuell zu langweilen beginnt und sich ganz auf die Musik konzentriert.

Stark hingegen wirkt das Bild mit der wahnsinnig gewordenen Lucia (Evelyn Pollock) im dritten Akt. Unter einem langen Brautschleier gehen ihre Blicke ins Leere. Sie wurde zum Spielball ihres Bruders, dem seine eigene Macht wichtiger war als die Gefühle der Schwester. Die Geschichte ist definitiv auf dem Friedhof angekommen.

Überzeugende Sänger

Die sängerischen Herausforderungen in Lucia di Lammermoor sind enorm. Die Sopranistin Evelyn Pollock in der Rolle der Lucia wurde ihnen grösstenteils gerecht, aber benötigte Zeit dafür. Im ersten Akt wirkte ihre Stimme teils hart und überforciert, besonders in den Bindungen und hohen Lagen.

Im dritten Akt dann plötzlich die Wandlung: Evelyn Pollocks Koloraturen wurden geschmeidiger. Die Technik trat in den Vorder-, das Kräftemessen mit dem Orchester in den Hintergrund. Für ihre Leistung wurde die sichtlich gerührte Evelyn Pollock vom St. Galler Publikum zu Recht lautstark bejubelt.

Luca Grassi als Enrico überzeugte mit einem hellen, in allen Lagen ausgeglichenen Tenor. Tijl Faveyts als Raimondo sang beeindruckend. Für eine überragende Leistung fehlte es ihm aber an Klangfarben. Edgaras Montvidas als Edgardo konnte beim hohen Niveau des Ensembles nicht immer überzeugen.

Seine Stimme sass zu weit hinten. Es fehlte ihm an Volumen und letztlich an Durchschlagskraft. Die musikalische Gesamtverantwortung lag beim italienischen Dirigenten Antonino Fogliani. Er dirigierte das Sinfonieorchester St. Gallen in der zweieinhalb Stunden dauernden Oper ohne Partitur.

Eine ungeheuere intellektuelle Leistung, die seinen musikalischen Affinitäten in Nichts nachstand. Das Publikum zeigte sich beim Schlussapplaus über die Produktion begeistert.

(sda)

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