Aktualisiert 04.08.2014 05:17

Tabubruch

Pendler sollen miteinander reden

Städter neigen zu Einsamkeit. Dagegen treten jetzt selbst ernannte Kämpfer an: Sie wollen Londoner Pendler in Plaudertaschen verwandeln.

von
B.McKernan, AP

Tausende sitzen mit Kopfhörern in der U-Bahn, die Augen starr aufs Smartphone gerichtet, um Kontakt mit anderen Fahrgästen zu vermeiden - in Grossstädten ein alltäglicher Anblick. In London will eine Kampagne nun das Schweigen durchbrechen und das Image der Stadt als einsamster Ort Grossbritanniens verändern.

«Können Sie sich vorstellen, wie anders eine Stadt aussähe, wenn man sich anderen Menschen einfach öffnen könnte, ohne die Befürchtung, dass ein Fremder etwas von einem wollen muss?», sagt Projektkoordinator David Blackwell. Aber: «Mit Fremden zu reden ist ein soziales Tabu. Das ist etwas, vor dem wir übermässig Angst haben», so Blackwell weiter.

Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen verteilt der Kämpfer gegen die Einsamkeit in Grossstädten deshalb Buttons mit der Botschaft «Sprich mit mir, und ich werde mit dir sprechen». Es ist eine Einladung, mit seinem Umfeld ins Gespräch zu kommen, ob in der Bahn, auf dem Weg zur Arbeit oder in der Warteschlange beim Einkaufen.

Studie als Motivation

Motivation für das Projekt war unter anderem eine Studie der Universität Sheffield: Demnach fühlen sich 30 Prozent der Londoner isoliert und nicht als Teil einer Gemeinschaft, was auch Auswirkungen auf ihre emotionale und körperliche Gesundheit hat. Finanziert wird die Initiative über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter: Bisher hat sie umgerechnet über 12'000 Franken eingesammelt.

«Im Prinzip gefällt es mir», sagt Susie Feltz vor einem Imbiss am Camden Market. «Aber ich hätte kein gutes Gefühl, wenn meine 20-jährige Tochter mit einem Button rumläuft, der Widerlingen einen Vorwand gibt, mit ihr zu reden. Junge Frauen bekommen schon genug unerbetene Aufmerksamkeit.»

Laut «Talk to me»-Gründungsmitglied Polly Akhurst sind den Buttons Ratschläge beigefügt, wie unangenehme Gespräche beendet werden können. Rund 3500 Anstecker hat die Gruppe bisher verteilt - ein bescheidener Anfang in einer Stadt mit über acht Millionen Einwohnern. Ausserdem wurden wöchentliche «Talk to me»-Treffen abgehalten.

Interesse aus dem Ausland

Will Laffan nahm vor drei Monaten an einem solchen Event teil. Er hatte die Uni abgeschlossen und war von Irland allein nach London gezogen. Er ist von der Idee überzeugt: «Die Atmosphäre ist einfach komplett anders, wenn du dich dort unterhältst», sagt er. «Die Gespräche haben meinen Horizont erweitert. Ich hatte vorher Schwierigkeiten mit Kommunikation ganz allgemein, aber jetzt ist es viel einfacher für mich.» Schüchterne Kontaktwillige können Karteikarten mit Eisbrecherfragen nutzen; mögliche Gesprächsthemen: «Was macht deiner Meinung nach einen Londoner aus?» oder «Solltest du ein schlechtes Gewissen haben, wenn du eine Menge Geld für dich selbst ausgibst?»

Im August will die Projektgruppe den ersten offiziellen «Talk to Me»-Tag organisieren - mit Flashmobs, Events und einem Picknick wollen sie die Londoner zum Plaudern bringen.

«Talk to me» könnte Schule machen: Die Organisatoren wurden nach eigener Darstellung bereits von Interessenten aus Paris, Berlin, Seoul und einigen Städten in den USA kontaktiert, die ähnliche Projekte starten wollen. In London sei das Feedback insgesamt überwältigend positiv, so Akhurst: «Das einzige Problem, das wir bisher hatten, ist, dass die Leute nicht mehr aufhören zu reden, wenn sie einmal angefangen haben.»

Worüber könnten Fremde miteinander sprechen? Haben Sie Ideen, wie man elegant ein Gespräch beginnt? Teilen Sie sie uns im Kommentarfeld mit.

SBB: «Spannende Begegnungen im Speisewagen»

SBB-Sprecher Christian Ginsig sagt, man begrüsse es, wenn es im ÖV zu Gesprächen unter den Fahrgästen komme - «ausser, es geschieht in einem Ruhewagen». Über die Ende 2012 lancierten App SBB Connect können Reisende gar mit anderen in Kontakt treten, die mit ihnen auf der gleichen Strecke unterwegs sind. Ein durchschlagender Erfolg ist die App jedoch nicht die Nutzerzahlen stagnieren. Ginsig: «Das zeigt, dass sich das persönliche Aufeinanderzugehen durch nichts ersetzen lässt.» Wer Lust auf eine Unterhaltung habe, könne sich etwa in einen Speisewagen setzen. «Dort kommt es tagtäglich zu spannenden Begegnungen unter den Reisenden.» Überhaupt gehe es in der Schweiz viel familiärer zu als in einer anonymen Grossstadt wie London. (lüs)

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